Barbara Schaffhauser (1834–1901)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Ehe: um 1857 mit Ferdinand Schaffhauser; d. i. Ferdinand Schafhauser (Haidl am Ahornberg, Böhmen [Zhůří na Javorné, zu Čachrov, Tschechien] Oktober 1836 – USA um 1901): Kutscher, Fabrikarbeiter, Schlosser, Brotführer, Maschinist; Radicaler, Anarchist
Sohn: Ferdinand Schaffhauser (Schwechat, Niederösterreich um 1860 – Himberg, Niederösterreich 15. September 1877): Ziegeldeckerlehrling; starb beim Absturz vom Dach noch vor Ort
Biographie
Barbara Schaffhauser kam nach Wien, wo sie um 1857 den damaligen Kutscher Ferdinand Schaffhauser (1836–~1901) heiratete. Nachdem ihr Sohn, der eine Ziegeldeckerlehre absolvierte, in Himberg ( Niederösterreich) am 15. September 1877 vom Dach stürzte und sofort tot war, übersiedelte das Ehepaar noch 1877 nach Floridsdorf (Niederösterreich [zu Wien 21.]). Hier wurde Barbara Schaffhauser wie auch ihr mehrfach wegen sozialistischer Umtriebe abgestrafte Ehemann eine Anhängerin der radicalen Arbeiterbewegung. Am 6. September 1882 führten ab zwei Uhr morgens über dreißig Polizisten eine große Verhaftungswelle gegen Radicale in Wien und Umgebung durch, angeblich wegen der jüngst erschienenen radicalen Flugschrift »Manifest der sozialrevolutionären Arbeiter-Partei Oesterreichs an das arbeitende Volk«,1. Unter den sechsundzwanzig verhafteten Radicalen befanden sich auch Barbara Schaffhauser und ihr Ehemann Ferdinand Schaffhauser. Eigentlicher Grund für diese Verhaftungswelle war wohl die so genannte Merstallinger-Affäre, also der von den Tischlergehilfen Josef Engel (~1858–?) und Franz Pfleger (1831–1884) am 4. Juli 1882 verübte Raubüberfall auf den Schuhwarenfabrikanten Josef Merstallinger (~1832–?) zur Geldbeschaffung für die radicale Arbeiterbewegung. Mit diesen und einigen vorangegangenen Verhaftungen wurde die Führung der Wiener Radicalen für fast ein halbes Jahr ausgeschaltet und musste im Gefängnis den Prozessbeginn abwarten.2 Erst nach zehn Wochen beantragte der Staatsanwalt die Einstellung des Verfahrens gegen Barbara Schaffhauser, und sie wurde am 17. November 1882 aus der Untersuchungshaft entlassen. Als Ferdinand Schaffhauser im Jänner 1883 Arbeit als Brotausführer für den Bäckermeister Pinkus Juhn fand, begleitete ihn seine Ehefrau und bewachte das Fuhrwerk, während er das Brot auslieferte.
Barbara Schaffhausers Ehemann wurde anlässlich der Ermordung des Polizeikonzipisten Franz Hlubek (1854–1883) durch den Buchbindergehilfen Anton Kammerer (1862–1884) am 15. Dezember 1883 zunächst als Hauptverdächtiger verhaftet und dann im Prozess, der am 27. und 28. Mai 1884 vor dem Ausnahmsgericht Wien stattfand, der Verbrechen der Mitschuld an der Ermordung des Polizeikonzipisten Franz Hlubek und der öffentlichen Gewalttätigkeit durch gefährliche Drohung angeklagt und wegen boshafter Unterlassung der Verhinderung des Mordes zu zwei Jahren schwerem Kerker, verschärft durch zwei Fasttage im Monat, verurteilt. Als Ferdinand Schaffhauser, der sich für Einzelhaft entschieden hatte, bereits im Dezember 1885 aus dem Gefängnis entlassen wurde, verblieb das Ehepaar noch einige Monate in Wien. Allerdings wurde Barbara Schaffhauser 1885 wegen »Teilnahme an anarchistischen Umtrieben« aus Niederösterreich und damit auch Wien abgeschafft.
Im April 1886 emigrierten Barbara und Ferdinand Schaffhauser in die USA, wo sie sich zunächst in New York City (New York, USA) niederließen. Hier war ihr Ehemann weiterhin in der radicalen Arbeiterbewegung aktiv, insbesonders in dem im Dezember 1886 in New York City gegründeten »Radikalen Arbeiterbund«. Später übersiedelten Barbara und Ferdinand Schaffhauser nach Elizabeth (New Jersey, USA), wo ihr Ehemann als Maschinist arbeitete.
Mitarbeiter*innen an Periodika
Die Zukunft (Wien) 1882.
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Adresse(n)
- Groß-Jedlersdorf, Niederösterreich [zu Wien 21.], Groß-Jedlersdorf 119 (Wohnadresse 1883 bis 1884)
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Autor: Reinhard Müller
Version: März 2026
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- 1
Vgl. [anonym]: Manifest der sozialrevolutionären Arbeiter-Partei Oesterreichs an das arbeitende Volk. [London]: [Druck der socialdemocratischen Genossenschafts-Buchdruckerei »Freiheit«] [1882], Flugblatt; später abgedruckt in der Zeitung »Freiheit« (London), 4. Jg., Nr. 31 (23. September 1882), S. [1]–[3], unter dem Titel »Manifest der socialrevolutionären Arbeiterpartei Oesterreichs an das arbeitende Volk«. Die Weiterverbreitung der Druckschrift wurde mit Erkenntnis des Landes- als Pressgericht Wien vom 9. September 1882 in Österreich verboten.
- 2
Vgl. die vom Radicalen Josef Müller (1839–1891) herausgegebene Schrift: Der Hochverraths-Proceß und die Affaire Merstallinger gegen Engel, Pfleger, Berndt, Sommer, Schmidt, Gröbner, Spiegel, Krondorfer, Winter, Masur, Motz, Kompoß, Würges, Wagner, Weich, Spahl, Wetz, Buelacher, Treibenreif, Peukert, Kotidek, Stiaßny, Führer, Gams, Kreps, Schenk, Wordak, Heitzer und Hotze. Verhandelt vor dem k. k. Schwurgericht Wien, vom 8.–21. März 1883. Nach den stenographischen Berichten bearbeitet und wahrheitsgetreu wiedergegeben. Herausgegeben von Josef Müller. VII. Bezirk, Gumpendorferstraße 78. Wien: Im Selbstverlage des Herausgebers 1883, 238 S.