Goldy Parin-Matthèy (1911–1997)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Vater: August Alexander Jean Matthèy-Guenet (Graz, Steiermark 29. März 1879 – Graz, Steiermark 22. November 1939): Fabrikant, Mitbesitzer einer Druckerei und Lithografieanstalt, später Kunstmaler; Heirat in Graz (Steiermark) am 18. August 1910 mit:
Mutter: Franziska Karoline Katarina Matthèy-Guenet, geborene Dunkl (Wels, Oberösterreich 9. März 1885 – Zürich, Kanton Zürich, Schweiz 30. November 1957): Private, später Putzfrau
Bruder: »Gustl« August Matthèy-Guenet (Graz, Steiermark 13. April 1913 – Adua ‹አድዋ›, Äthiopien 1960): Dr. med., Arzt
Ehe: in Zürich (Kanton Zürich, Schweiz) im August 1955 mit Paul Parin (Schloss Neukloster, Steiermark [Novi klošter, zu Polzela, Slowenien] 20. September 1916 – Zürich, Kanton Zürich, Schweiz 18. Mai 2009): Dr. med., Arzt, Chirurg, Psychoanalytiker, Ethnologe, Publizist
Kinder: keine
Biographie
Goldy Parin-Matthèy, Tochter einer Hausfrau und des Mitbesitzers einer renommierten Druckerei und Lithografieanstalt (heute Universitätszentrum Wall), wuchs als schweizerische Staatsbürgerin in einer zunächst wohlhabenden, liberalen Bürgerfamilie in Graz (Steiermark) auf. Durch die ungünstige Geschäftsentwicklung und die Inflation verarmten ihre Eltern 1920, so dass ihre Mutter als Putzfrau arbeitete, während der Vater seinem Hobby als Kunstmaler nachging. Goldy Parin-Matthèy absolvierte die Volksschule und vier Klassen Bürgerschule in Graz. Seit 1927 besuchte sie zunächst den einjährigen Vorbereitungskurs und danach die Fachklasse für Keramik der Kunstgewerbeschule in Graz. Hier traf sie auch die später bekannte Künstlerin Maria Biljan (1912–1997), die 1933 Goldy Parin-Matthèys Cousin, den Chemiker und Künstler Ferdinand Bilger (1903–1961), heiratete. Mit beiden verband sie eine lebenslange Freundschaft. Außerdem absolvierte Goldy Parin-Matthèy eine Ausbildung zur medizinischen Labor- und Röntgenassistentin an der Universitätsaugenklinik, bei verschiedenen Spitälern und bei einem Röntgenarzt. Seit 1930 gehörte sie zum so genannten Kreis im Haus Morellenfeldgasse 42, wo sich sozialistische, kommunistische und parteipolitisch heimatlose Antifaschistinnen und Antifaschisten aus den Bereichen Kunst, Wissenschaft und Presse trafen. 1933 ging Goldy Parin-Matthèy nach Wien und arbeitete in einem vom Psychoanalytiker August Aichhorn (1873–1949) geleiteten Heim für schwer erziehbare Jugendliche. 1934 nach Graz zurückgekehrt, wurde sie Laborassistentin an der Grazer Universitätsklinik.
Im Juni 1937 reiste Goldy Parin-Matthèy nach Spanien, wo sie als »Liselot« für die Internationalen Brigaden im Röntgeninstitut der Centrale sanitaire internationale d’aide à l’Espagne républicaine (Internationales Gesundheitszentrum der Hilfe für das republikanische Spanien) in Albacete (Castilla-La Mancha, Spanien) als Laborantin arbeitete. Hier lernte sie die anarchosyndikalistischen Ideen und deren Umsetzung kennen und schätzen. Im April 1938 wurden anlässlich der faschistischen Offensive das Zentrale Laboratorium und das Spital der Internationalen Brigaden ins katalanische Vic (Spanien) verlegt. Als eine der letzten Mitarbeiterinnen verließ Goldy Parin-Matthèy im März 1939 die Centrale sanitaire internationale d’aide à l’Espagne républicaine und war fast zwei Monate im Flüchtlingslager für Frauen Saint-Zacharie nahe Marseille (Frankreich) interniert.
Ende April 1939 traf Goldy Parin-Matthèy in Zürich / Zurich / Zurigo (Kanton Zürich, Schweiz) ein, wo sie den aus der Steiermark (heute Slowenien) gebürtigen Medizinstudenten und späteren Chirurgen, Psychoanalytiker und Schriftsteller Paul Parin (1916–2009) kennen lernte, mit dem sie seither zusammenlebte und den sie im August 1955 heiratete. In Zürich betrieb Goldy Parin-Matthèy von 1939 bis 1952, mit Unterbrechungen von 1944 bis 1945 und 1946, ein Labor für Blutuntersuchungen.
Vom September 1944 bis Oktober 1945 war Goldy Parin-Matthèy gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Paul Parin, ihrem Bruder »Gustl« August Matthèy-Guenet (1913–1960) und weiteren vier Ärzten als anarchistisch-sozialistische »Brüdergemeinde« bei der Ersten chirurgischen Mission der Centrale Sanitaire Suisse (Schweizerisches Gesundheitszentrum; heute Teil von Medico international) in der jugoslawischen Befreiungsarmee als Assistentin tätig. Und 1946 organisierte sie eine Poliklinik der Centrale Sanitaire Suisse und der Don Suisse pour les victimes de la guerre (Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten) in Prijedor / Приједор (Bosnien und Herzegowina).
1946 kehrte Goldy Parin-Matthèy nach Zürich zurück, absolvierte von 1950 bis 1952 eine Ausbildung als Psychoanalytikerin und eröffnete dann mit ihrem Lebensgefährten Paul Parin und mit Fritz Morgenthaler (1919–1984) eine Privatpraxis. Außerdem gehörte Goldy Parin-Matthèy 1958 zu den Gründerinnen und Gründern des Psychoanalytischen Seminars Zürich. Sie veröffentlichte seit 1962 zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, unternahm zwischen 1954 und 1971 sechs Forschungsreisen nach Westafrika und gilt heute als Mitbegründerin der deutschsprachigen Ethnopsychoanalyse.
Goldy Parin-Matthèy erachtete praktizierte Psychoanalyse als Guerilla mit anderen Mitteln und verstand sich als Anarchistin. »Ich war immer eine moralische Anarchistin: Jeder ist allein für sich selbst verantwortlich. Das ist, glaube ich, das Wichtigste, was auch ein Analytiker in Ausbildung erwerben und erleben muss, dass er ganz allein verantwortlich ist.« (Goldy Parin-Matthèy 1984).
Publikationen
Bücher und Broschüren
- Die Weißen denken zuviel. Psychoanalytische Untersuchungen bei den Dogon in Westafrika. Zürich: Atlantis Verlag 1963, 527 S. Gemeinsam mit Fritz Morgenthaler (1919–1984) und Paul Parin (1916–2009).
- Fürchte Deinen Nächsten wie Dich selbst. Psychoanalyse und Gesellschaft am Modell der Agni in Westafrika. Wien – Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, 581 S. Gemeinsam mit Fritz Morgenthaler (1919–1984) und Paul Parin (1916–2009).
Kategorien
Adresse(n)
Graz 2., Steiermark, Morellenfeldgasse 42 (Geburtsadresse)
Karte
Autor / Version / Copyleft
Autor: Reinhard Müller
Version: März 2026
Anarchistische Bibliothek | Archiv | Institut für Anarchismusforschung | Wien
Copyleft