Vilma Ritschel (1882–1960)

Persönliche Daten
Namensvarianten
geborene Wilhelmine Steinacher
verheiratete Wilhelmine Ritschel
nannte sich: Vilma Ritschel
Geburtsdatum
6. Oktober 1882
Geburtsort
Sterbedatum
26. Dezember 1960
Sterbeort
Religionsbekenntnis
römisch-katholisch, seit 11. März 1926 konfessionslos

Mutter: Josefa Steinacher (Edlach an der Rax, Niederösterreich 21. Februar 1959 – ?)
Vater: unbekannt
Ehe: in Stockerau (Niederösterreich) am 24. August 1902 mit Gustav Theodor Ritschel (Hirschberg, Böhmen [Jelení, zu Holčovice, Tschechien] 27. April 1872 – Wien 14. März 1910): Wachtmeister beim 5. Landwehr-Ulanen-Regiment in der Landwehrkaserne Stockerau, später hier, dann in Wien Privatbeamter; an einem Lungenödem verstorben
Sohn: Gustav Oskar Steinacher, mit 24. August 1902 legitimierter Ritschel (Stockerau, Niederösterreich 21. Februar 1902 – ?): Mechanikergehilfe
Sohn: Alfred Otto Ritschel (Stockerau, Niederösterreich 19. Juli 1903 – Wien 14. Mai 1908): an Masern verstorben
Lebensgefährte: Johann Franz Detter (Wien 16. November 1899–?)

Biographie

Vilma Ritschel wurde im Allgemeinen Krankenhaus in Wien 9., Alserstraße 4, als uneheliches Kind geboren, wuchs dann aber im Heimatort ihrer Mutter, in Reichenau an der Rax (Niederösterreich), auf. Später meinte sie über ihre Kindheit: »Die Leute sagten, ich sei überspannt. Ich habe mir auch angewöhnt, Märchen zu erzählen, und war jähzornig.« (Vilma Ritschel 1924) Nach dem Besuch der Volksschule erlernte sie das Schneiderhandwerk. Am 24. August 1902 heiratete Vilma in Stockerau den Ulanen-Wachtmeister und späteren Privatbeamten Gustav Theodor Ritschel (1872–1910). Mit ihm hatte sie zwei Kinder: den noch außerehelich geborenen Sohn Gustav Oskar Ritschel (1902–?), der später Mechanikergehilfe wurde, und den Sohn Alfred Otto Ritschel (1903–1908). 

1904 übersiedelte Vilma Ritschel mit ihrer Familie nach Wien, wo sie als sogenannte Hausnäherin tätig war. Sie wohnte zunächst in Wien 3., Wällischgasse 8, musste aber nach dem frühen Tod ihres Ehemanns nach Wien 10., Rotenhofgasse 106, übersiedeln, wo sie in unmittelbarer Nähe auch einen Schrebergarten besaß. Mit ihren Söhnen hatte Vilma Ritschel wenig Glück. Alfred Otto verstarb bereits am 14. Mai 1908 in Wien an Masern. Gustav Oskar ging 1919 nach Ungarn, wo er in der Roten Armee für die Ungarische Räterepublik kämpfte. 1920 wieder in Wien, schoss er sich mit einem Revolver in die Brust. Wieder genesen, ermordete er am 19. Oktober 1922 den Technikstudenten Robert Staudacher (1889–1922) in der Wohnung Vilma Ritschels und vergrub dessen zerstückelte Leiche im Schrebergarten seiner Mutter. Gustav Oskar Ritschel flüchtete nach Bukarest ‹București› (Rumänien), wo er verhaftet wurde. Er wurde am 16. Mai 1924 von einem Wiener Geschworenengericht wegen meuchlerischen Raubmordes zu achtzehn Jahren schwerem Kerker verurteilt, verschärft durch Dunkel- und Einzelhaft am Jahrestag der Tat.

Mitte der 1920er-Jahre stieß Vilma Ritschel zu den anarchistischen Bewegungen in Wien. Sie war Mitbegründerin der vor allem zum anarchistischen »Bund herrschaftsloser Sozialisten« in Opposition stehenden Gruppe »Contra«. Dessen stark am kommunistischen Anarchismus ausgerichteten Mitglieder trafen sich regelmäßig im »Café Josef Simon« in Wien 15., Schweglerstraße 1. Vilma Ritschel war Eigentümerin, Herausgeberin, Verlegerin und Druckerin der vom April 1930 bis September 1931 erschienenen anarchistischen Zeitschrift »Contra« (Wien), in der sie auch publizierte. Außerdem verlegte sie die Schriftenreihe »Propaganda Broschüre«, von der allerdings nur ein Heft im Mai 1930 erschien. Später engagierte sich Vilma Ritschel gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten »Hans« Johann Detter (1899–?) vor allem in dem 1931 gegründeten »Selbsthilfeverband der Arbeitslosen Österreichs«. Selbst arbeitslos geworden, zog sie 1934 in ein Gartenhaus in Wien 22., Am Mühlwasser, Aspern-Parzelle 827, wo sie sich als Kleinbäuerin betätigte, und zuletzt nach Wien 16., Habichergasse 6.

In ihrem Kampf für die Arbeitslosen war Vilma Ritschel bereit, alle Ansätze gesellschaftlichen Wirkens zu unterstützen, auch jene, die »nicht immer unserem großen Ziel entsprechen«. Aufgabe der Arbeitslosenbewegung sei es, den »Antritt der Revolution« zu beschleunigen, »einen Anstoss, das herrschende System zum Zusammenbruch zu bringen«, zu geben, und nicht der »revolutionären Vernunft« zuwider zu handeln durch ein pflichtgemäßes Versorgen der Massen mit revolutionären Phrasen. Dass es sich hierbei um eine reine Machtfrage handle, liege auf der Hand, zumal der Revolutionär niemals vergessen dürfe, wie sehr und dringend die elementarsten Bedürfnisse des Menschen befriedigt werden müssen. In diesem Zusammenhang ist auch Vilma Ritschels mehr rhetorisch gestellte Frage zu verstehen: »Darf der Revolutionär an all diese Bemühungen, die vielleicht das Eintreffen der Revolution verzögern könnten – aber nur vielleicht! – achtlos vorübergehen?« Hätte das fixierte Denken an die Revolution nicht Dinge geschehen lassen, die die Revolution viel stärker hemmten als die Beteiligung von Anarchistinnen und Anarchisten an Aktionen der Ar beitslosen gegen ihre Not? Vilma Ritschels Antwort ist eindeutig: »Hunger tut weh. Helfen und unterstützen wir die Anstrengungen der Arbeitslosen um nicht den Zusammenhang mit dem Leben zu verlieren.«1

  • Allgemeines Krankenhaus in Wien 9., Alserstraße 4 (Geburtsadresse)
  • Wien 3., Wällischgasse 8 (Wohnadresse 1908 bis 1910)
  • Wien 10., Rotenhofgasse 106 (Wohnadresse 1910 bis 1934)
  • Wien 22., Am Mühlwasser, Aspern-Parzelle 827 (Wohnadresse 1934)
  • Wien 16., Habichergasse 6/34 (Wohnadresse 1950)
Karte
  • 1

    Vilma Ritschel: Vernunft und Herz in der Arbeitslosenbewegung, in: Contra (Wien), 2. Jg., Nr. 3 (Juni 1931), S. 14–15.