Reich-Affäre. Wien 1885
Daten
Beschreibung
Zeit: 18. Juni 1885
Ort: Hietzing (Niederösterreich [zu Wien 13.])
Beteiligte: Schneidergehilfe Albert Friedmann (1866–?), Schuhmachergehilfe Johann Hospodský (1863–?), Schuhmachermeister Karl Schwehla (1851–1897), Webergehilfe Franz Schustaczek (1850–1908)
Vorgesehenes Opfer: Realitätenbesitzer Moses Reich (~1800–1895), unter anderem Inhaber eines Hauses in Hietzing (Niederösterreich [zu Wien 13.])
Das Ereignis
Der Realitätenbesitzer Moses Reich (~1800–1895) besaß unter anderem ein Haus in Hietzing (Niederösterreich [zu Wien 13.]). Hier erschienen am 18. Juni 1885 um 23 Uhr in entsprechenden Uniformen und Abzeichen der Webergehilfe Franz Schustaczek (1850–1908) als »Polizeikommissär« und der Schuhmachermeister Karl Schwehla (1851–1897) sowie der Schneidergehilfe Albert Friedmann (1866–?) als »Polizeidetektive«. Die beiden »Polizeidetektive« Schwehla und Friedmann waren mit Dolchen ausgestattet, Albert Friedmann zusätzlich mit einem Revolver bewaffnet. An dieser Aktion war auch der Schuhmachergehilfe Johann Hospodský (1863–?) in der Rolle des Aufpassers beteiligt. Die Radicalen gaben sich als Polizeikommission aus, hatten einen gefälschten, mit »Polizei-Direction« gezeichneten Revisionsbefehl bei sich und forderten im Namen des Gesetzes Eintritt. Sie gaben vor, nach Falschgeld zu suchen. Der Hausbesitzer war jedoch abwesend, und die beiden anwesenden Frauen – Josefine Abeles und Illa Fischer – gaben vor, keinen Schlüssel zu haben, und öffneten nicht. Die Beute, die den Radicalen bei diesem gescheiterten Coup – der sogenannten Reich-Affäre – entgangen war, hätte 300 Gulden betragen. Franz Schustaczek gab später vor Gericht an, er habe an dieser Aktion vor allem deshalb teilgenommen, weil er sich vom Verdacht befreien wollte, im Polizeidienst zu stehen. Die Parteigenossen hatten diesen Verdacht gehegt, weil er als Mitglied des »Fachvereins der Manufakturarbeiter« bei der sogenannten Merstallinger-Affäre vom 4. Juli 1882 nicht verhaftet worden war.
Polizeiliche und gerichtliche Verfolgung
Es dauerte lange, bis die Polizei den Tätern der sogenannten Reich-Affäre auf die Spur kam. Im Zuge der sogenannten Brandleger-Affäre vom 3. und 4. Oktober 1886 holte die Polizei nach wochenlangen Beobachtungen zum großen Schlag gegen die Wiener Sozialrevolutionäre aus. Noch in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1886 konnten acht Sozialrevolutionäre verhaftet werden, und innerhalb der nächsten Woche folgten weitere sieben. Im Zusammenhang mit der sogenannten Reich-Affäre wurden Albert Friedmann, Johann Hospodský und Franz Schustaczek verhaftet. Karl Schwehla war bereits als Beteiligter an der zweiten sogenannten Brandleger-Affäre inhaftiert worden.
Vom 21. bis 28. März 1887 fand vor dem Landes- als Ausnahmegericht Wien der große sogenannte Anarchistenprozess gegen siebzehn Sozialrevolutionäre statt. Verhandelt wurden die sogenannte Reich-Affäre vom 18. Juni 1885, die sogenannte Tyll-Affäre vom 3. August 1885, die sogenannte Dynamit-Affäre vom 14. März 1886, die sogenannte Linke-Affäre vom März 1886, die sogenannte Trostler-Affäre vom April 1886 und die sogenannte Brandleger-Affäre vom 3. und 4. Oktober 1886.
Wegen ihrer Beteiligung an der sogenannten Reich-Affäre wurden Albert Friedmann, der ebenfalls inhaftierte Heinrich Höfermayer, Johann Hospodský, Franz Schustaczek und Karl Schwehla des Verbrechens des teils vollbrachten, teils versuchten Betrugs angeklagt.
Vom Gericht wurden folgende Urteile gefällt:
- Karl Schwehla wurde wegen Brandlegung als unmittelbarer Täter und Mitschuldiger sowie wegen versuchten und vollbrachten Betrugs zu fünfzehn Jahren schweren Kerkers verurteilt;
- Franz Schustaczek wurde wegen versuchten und vollbrachten Betrugs zu sechs Jahren schweren Kerkers verurteilt;
- Johann Hospodský wurde wegen versuchten und vollbrachten Betrugs zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt;
- Albert Friedmann wurde wegen Betrugs als unmittelbarer Täter und Mitschuldiger zu sechs Jahren schweren Kerkers verurteilt.
Die Haftstrafen wurden jeweils verschärft mit einem Fasttag im Monat.
Karl Schwehla verstarb später im Gefängnis Stein [zu Krems an der Donau] (Niederösterreich).
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Autor: Reinhard Müller
Version: September 2026
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