Organisationen der Freiheitlichen Sozialisten
Im organisatorischen Brennpunkt der Freiheitlichen Sozialisten standen zwei Vereine: der »Socialistische Volksverein« und der »Allgemeine österreichische Wirtschaftsbund«.1 Dabei gilt zu beachten, dass weder diese Organisationen, noch deren Mitglieder lupenrein anarchistisch waren. Schon die personelle Zusammensetzung zeigt ein Neben-, teils auch Gegeneinander von überzeugten Anarchisten, von libertären Sozialisten und von radikalen Liberalen, aber auch von sozial orientierten Bürgerlichen, die vor allem eines einigte: die Ablehnung jeder Form des Marxismus.
Der 1895 gegründete »Socialistische Volksverein« verstand sich als sozial-freiheitliche und sozial-wirtschaftliche Vereinigung mit Wirkungsbereich Niederösterreich (damals einschließlich Wiens). Die Programmatik war für eine anarchistische Organisation dieser Zeit bemerkenswert konkret: »Der [›]Sozialistische Volksverein‹ strebt derzeit im Rahmen des österreichischen Gesammstaates die unbedingte Gleichberechtigung aller österreichischen Staatsbürger in nationaler (auf Grundlage der nationalen Autonomie), konfessioneller und sozialer Hinsicht an. [/] Er bekämpft daher in schärfster Weise den nationalen Chauvinismus, wie den Antisemitismus, den Klerikalismus und Kapitalismus. [/] Er tritt ein für die weitgehendste Freiheit des Individuums und bekämpft all jene Kliquen, welche die Unterjochung des Individuums, sei es durch einen allmächtigen Staat, sei es durch eine omnipotente Kirche, sei es durch einen Staatssozialismus, herbeiführen wollen. [/] Der ›Sozialistische Volksverein‹ fordert auf nationalem, konfessionellem und ökonomischen Gebiete die Wahrung der Individualität und die Abänderung aller Einrichtungen in Staat und Gesellschaft, welche die Freiheit der Entwicklung derselben hemmen. [/] Der ›Sozialistische Volksverein‹ fordert daher: [/] die Freiheit in Wort und Schrift, [/] die Umgestaltung aller unserer Vertretungskörper (Gemeinderath, Landtag und Reichsrath), durch [/] Allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht, Proportionalsystem – ergänzt durch Volksabstimmung in wichtigen Fällen, so daß dieselben in gleichem Maße den Ausdruck der Majorität und der Minorität bilden, [/] eine den modernen Ansprüchen entsprechende, von jedem kirchlichen Einfluß freie Schule, die in erster Linie an der ethischen Bildung der Jugend arbeitet, [/] als Hauptstütze der heutigen kapitalistischen Ordnung bekämpft der ›Sozialistische Volksverein‹ auch den Militarismus und erblickt in der Förderung der Friedensbestrebungen eine Garantie zur Beseitigung derselben.«2 Die betont Frieden fördernde Ausrichtung der Freiheitlichen Sozialisten entsprach auch ihrem grundsätzlichen Willen, die angestrebte Gesellschaft nicht durch eine Revolution herbeizuführen, sondern auf dem Weg reformerischer Erziehung. »Unser taktischer Grundsatz ist es ja, an das Gegebene aufbauend anzuknüpfen und die wo immer aufstrebenden socialen Reformen in eine unseren hohen Zielen entsprechende Richtung zu lenken.«3
Der Verein wurde in der Öffentlichkeit vor allem durch seine Vortragsveranstaltungen wahrgenommen. Die weltanschauliche Breite des »Socialistischen Volksvereins« dokumentiert sich schon bei den Vortragenden, wie einige Beispiele zeigen. Am 7. Oktober 1898 referierten im »Grand Hotel National« (Firma »F. M. Mayer«) in Wien 2., Taborstraße 18, der Textilfabrikant und Verfechter der Naturheilkunde Moriz Schnitzer (1861–1939) aus Warnsdorf (Böhmen [Varnsdorf, Tschechien]) »Über die Ursachen des sozialen Elends« sowie der Maler und Bildhauer Johannes Mayerhofer (1859–1925) aus Baden (Niederösterreich) über »Österreich am Scheidewege«. Und am 20. Oktober 1898 sprach der Journalist und Pazifist Oberstleutnant Moritz von Egidy (1847–1898) über »Die Wandlungsbestrebungen der Gegenwart«.4 In Erinnerung an die so genannten Märzgefallenen von 1848 veranstaltete der »Socialistische Volksverein« ein Märzfeier in »Helfensdörfer's Restrauration« (Peter Helfensdörfer) in Wien 1., Wipplingerstraße 33, auf welcher der aus Basel / Bâle / Basilea (Kanton Basel-Stadt, Schweiz) angereiste Maler und Publizist Arthur Kully (1876–1954) über »51 Jahre österreichischer Politik (1848 – 1899)« referierte. Und am 1. Mai 1899 hielt der Journalist und Zionist Dr. Hermann Kadisch (1862–1934) in »Hatschek's Gasthaus« (Therese Hatschek) in Wien 2., Praterstraße 11, den Vortrag »Durch Völkerverbrüderung zur politischen Freiheit und ökonomischen Emanzipation«. Am 14. Juni 1899 sprach der Journalist, Sozialphilosoph und Zionist Dr. Paul Weisengrün (1868–1923) in »Diertmayer's Restauration« (Anton Diertmayer) in Wien 17., Hernalser Gürtel 11, über »Das Ende des Marxismus«. Das meiste Aufsehen erregte wohl der Vortrag des Soziologen, Nationalökonomen und Genossenschaftstheoretikers Dr. Franz Oppenheimer (1864–1943), der am 13. September 1899 im Saal des Restaurants »Ressource« (Johann Holoubek) in Wien 1., Reichsratsstraße 3, über »Die soziale Frage mit besonderer Berücksichtigung der sozialen Bedeutung des Genossenschaftswesens« sprach.5
Obmänner des »Socialistischen Volksvereins« waren von 1895 bis 1898 der Tischlergehilfe Karl Haberreiter (1864–1919), der auch als einschlägiger Publizist hervortrat, von 1898 bis 1899 der Bankbeamte Moriz von Koerber (1845–1902), von 1899 bis 1900 wieder Karl Haberreiter, von 1900 bis 1901 der Advokat Dr. Felix von Mikocki (1847–1921) und von 1901 bis 1908 der Schablonenhersteller Karl Hauschild. Als Obmann-Stellvertreter fungierten von 1895 bis 1896 der Vergolder Karl Bachheimer (~1861–1924) sowie der Bronzearbeiter und Ziseleur Karl Bonupf (1861–1896), seit 1896 – bis zur Auflösung – der Journalist und Zionist Dr. Hermann Kadisch (1862–1934). Spätestens 1908 stellte der »Socialistische Volksverein« seine Aktivitäten ein.
Parallel dazu wurde 1901 der »Sozial-österreichische Volksverein« gegründet. Obmann war der Advokat Dr. Felix von Mikocki (1847–1921), Obmann-Stellvertreter der Journalist und Zionist Dr. Hermann Kadisch (1862–1934). Bereits im November 1904 zeigte der Obmann die freiwillige Selbstauflösung des Vereins, der seinen Sitz in von Mikockis Wohnung in Wien 6., Getreidemarkt 14, hatte, an.
Der »Socialistische Volksverein« war gleichsam der sozialpolitische Arm der Freiheitlichen Sozialisten, während der 1895 gegründete »Allgemeine österreichische Wirtschaftsbund«6 mit Wirkungskreis Cisleithanien als Hauptinstrument zur Erreichung ihres Ziels betrachtet wurde. In seinem Programm betonte der Verein, dass »die bevorstehende wirtschaftliche Umgestaltung nur durch eine wirtschaftliche Organisation aller physisch und geistig Arbeitenden durchgeführt werden könne«.7 »Dies bezweckt«, schrieben die Freiheitlichen Sozialisten des »Sozialistischen Volksvereins«, »der unser wirtschaftliches Programm vertretende ›Allgemeine österreichische Wirtschaftsbund‹, der statutenmäßig über ganz Zisleithanien [!] sich ausdehnt. [...] Der ›Allgemeine österreichische Wirtschaftsbund‹ strebt als Endziel an: Eine sozialistische Wirtschaftsordnung, in welcher jeder Arbeitende in freien Assoziationen jederzeit arbeiten und die Früchte seines Fleißes (seinen vollen Arbeitsertrag) genießen kann, durch Beseitigung des Lohnsystems und durch allgemeine Zugänglichmachung der Produktionsmittel. Derzeit sollen mit aller Energie angestrebt werden: Steuerung des Lebensmittel- und Wohnungswuchers (durch Förderung von Produktiv-, Konsumtions- und Heimstätten-Genossenschaften), [/] Steuerreform im Sinne der Beseitigung aller indirekten Steuern und Einführung einer einzigen progressiven Einkommensteuer, [/] Reform der Gewerkschaften und gewerblichen Genossenschaften, [/] Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und Invalidität (Altersversorgung), [/] Verkürzung der Arbeitszeit (entsprechend den jeweiligen Forderungen der Hygiene und Technik), [/] Minimal-Arbeitslohn.«8 Bemerkenswert an diesem Programm des »Allgemeinen österreichischen Wirtschaftsbunds« ist die Trennung in Forderungen zum angestrebten Endziel und »derzeitige« Forderungen. Hier wurde erstmals in einer anarchistischen Bewegung in Österreich ausdrücklich die phasenweise Annäherung an das Endziel propagiert. Die für anarchistische Bewegungen des 19. Jahrhunderts charakteristische Vorstellung, dass die Anarchie unmittelbar verwirklichbar sei, wurde aufgegeben, der Programmatik der beabsichtigten anarchistischen Gesellschaftsordnung ein Übergangsprogramm zur Seite gestellt.
Dies hing wohl auch mit der Vorstellung zusammen, dass die »Vertreter der Moderne, Vorkämpfer einer neuen, besseren Zeit (Ethiker, Friedensfreunde, Freidenker etc.)« erst herangebildet, erzogen werden müssten.9 Deshalb wurde auch einer Schulreform besonderes Interesse entgegengebracht, erkannten sie doch »in der Schule das Mittel für die Heranbildung des Volkes zum social-freiheitlichen Culturleben«.10 »Wir fordern daher von der Schule – mit anderen Worten – die Erziehung zur sittlichen Freiheit des Individuums, u. zw. sittlich im Sinne der socialen Ethik. Zur Freiheit kann man nur durch Freiheit erziehen; deshalb verlangen wir in der Schule eine Methode, welche der Selbstthätigkeit und Selbstbestimmung des Zöglings einen möglichst großen Spielraum läßt. Dieser oberste Grundsatz aber setzt voraus die Erziehung zur Arbeit (durch die Arbeit), weil nur der zur Arbeit Befähigte an dem Culturleben theilnehmen kann, – sowie zur wirthschaftlichen und politischen Freiheit, weil nur ein Freier, nie aber ein Sclave, sittlich frei, d. h. nach sittlichen Grundsätzen handeln kann.«11
Präsidenten des »Allgemeinen österreichischen Wirtschaftsbundes« waren von 1895 bis 1896 der Sattler bei den österreichischen Staatsbahnen Anton Beberič, übrigens Proponent des Vereins, von 1896 bis 1898 Heinrich Langer und seit 1898 der Tischlergehilfe Richard Kollhammer, Vize-Präsidenten von 1895 bis 1896 Em. Koller und Richard Kollhammer sowie von 1896 bis 1898 Josef Bohins. Der Verein stellte spätestens 1901 seine Tätigkeiten ein.
Dem Zweck sozial-freiheitlicher Bildung dienten zwei weitere Vereine. Von den Freiheitlichen Sozialisten wurde 1894 der »Allgemeine Bildungs- und Discussions-Club« mit Wirkungskreis Cisleithanien übernommen, der die »Förderung der allgemeinen, mit besonderer Berücksichtigung der sozial-wissenschaftlichen Bildung« bezweckte. Obmänner waren von 1894 bis 1895 Hugo Sauermann (1855–?), von 1895 bis 1896 der Tischlergehilfe Karl Haberreiter (1864–1919), von 1896 bis 1898 der Privatbeamte Alexander Nitsche, von 1898 bis 1904 der Schablonenhersteller Karl Hauschild, von 1904 bis 1908 der Kaufmann und Getreidehändler Friedrich Glatz (1875–1934), von 1908 bis 1912 der Privatbeamte und Zionist Bernhard Tag (1863–1937) und von 1912 bis 1918 Dr. Karl Jeller. Als Obmann-Stellvertreter fungierte 1896 bis 1918 der Journalist und Zionist Dr. Hermann Kadisch (1862–1934). Der »Allgemeine Bildungs- und Discussions-Club« ist aber nur in den Jahren um die Jahrhundertwende als anarchistisch oder zumindest dem Anarchismus nahe stehende Vereinigung einzuschätzen.
1918 fand der »Allgemeine Bildungs- und Discussions-Club« kurzzeitig eine Fortsetzung als »Allgemeiner Bildungs- und Diskussionsklub, literarische sozialwissenschaftliche Bildungs-Vereinigung«mit dem Privatbeamten und Zionisten Bernhard Tag (1863–1937) als Obmann. Dieser Verein stellte spätestens 1922 seine Tätigkeiten ein.
Interessanter ist jedoch ein anderer Verein, dessen Initiator der in fast allen genannten Vereinen der Freiheitlichen Sozialisten als Ausschussmitglied tätige Hermann Kadisch war: »Jung-Österreich«, seit 1907 meist »Neu-Österreich«.
Autor: Reinhard Müller
Version: Dezember 2025
Anarchistische Bibliothek | Archiv | Institut für Anarchismusforschung | Wien
Copyleft
Daten
- 1
Für alle Vereine der Freiheitlichen Sozialistenprogrammatisch war die Broschüre von H. K...sch [d. i. Hermann Kadisch (1862–1934)]: Die Aufgaben einer wahren Volkspartei und die bisherige Thätigkeit unserer sogenannten »Volksvertreter« von H. K…sch. [Wien]: Herausgegeben und verlegt vom »Socialistischen Volksverein« [1897], 11 S. Innentitel: Ein Mahnruf an alle physisch und geistig Arbeitenden Oesterreichs. Bis 1902 erschienen davon drei Auflagen.
- 2
Der Ausschuß des Sozialistischen Volksvereines: Die Ziele der freiheitlichen Sozialisten und ihre Stellung zu den übrigen Parteien. V. (Schluß.), in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 7 (9. Juni 1899), S. 2–3, hier S. 3. Eine ähnliche Programmatik des »Socialistischen Volksvereins« und des »Allgemeinen österreichischen Wirtschaftsbunds« findet sich bei Arthur Kully (1876–1954): Unser Programm!, in: ebenda, 1. Jg., Nr. 13 (16. Oktober 1899), S. 1–2, besonders S. 2.
- 3
J. F.: Zur Schulreform, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 13 (16. Oktober 1899), S. 2–3, hier S. 3.
- 4
Am 5. Februar 1899 veranstaltete der »Socialistische Volksverein« im Saal des »Wissenschaftlichen Clubs« in Wien 1., Eschenbachgasse 9, eine Gedächtnisfeier für den am 29. Dezember 1898 verstorbenen Moritz von Egidy (1847–1898).
- 5
Zur zusammenfassenden Wiedergabe des Vortrags von Franz Oppenheimer (1864–1943) vgl.: Dr. Franz Oppenheimer in Wien, in. Neue Bhanen (Wien), 1. Jg., Nr. 11 (21. September 1899), S. 3–4.
- 6
In der Zeitung »Neue Bahnen« wurde von einer »constituierenden Generalversammlung« am 8. Oktober 1899 gesprochen, welche aber nur die Gründung eines »Comités« des »Allgemeinen österreichischen Wirtschaftsbundes« betraf; vgl. Der allgem. österr. Wirthschaftsbund: Aufruf des Allg. österr. Wirthschaftsbundes an das arbeitende Volk, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 12 (30. September 1899), S. 3–4, hier S. 4.
- 7
Arthur Kully (1876–1954): Unser Programm!, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 13 (16. Oktober 1899), S. 1–2, hier S. 2.
- 8
Der Ausschuß des Sozialistischen Volksvereines: Die Ziele der freiheitlichen Sozialisten und ihre Stellung zu den übrigen Parteien. V. (Schluß.), in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 7 (9. Juni 1899), S. 2–3, hier S. 3.
- 9
Vgl. Der Ausschuß des Sozialistischen Volksvereines: Die Ziele der freiheitlichen Sozialisten und ihre Stellung zu den übrigen Parteien. V. (Schluß.), in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 7 (9. Juni 1899), S. 2–3, hier S. 3.
- 10
J. F.: Zur Schulreform, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 13 (16. Oktober 1899), S. 2–3, hier S. 2.
- 11
J. F.: Zur Schulreform, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 13 (16. Oktober 1899), S. 2–3, hier S. 2.