Hermann Kadisch (1861–1934) und »Jung-Österreich« / »Neu-Österreich«. 1896 bis 1914
Initiierende wie auch viele Jahre hindurch prägende Persönlichkeit der Freiheitlichen Sozialisten war Dr. Hermann Kadisch (1862–1934), heute vor allem als einer der frühesten und engsten Mitarbeiter von Dr. Theodor Herzl (1860–1904) bekannt. 1862 in Brünn (Mähren [Brno, Tschechien]) geboren, studierte Kadisch seit 1884 Rechtswissenschaften an der Universität Graz (Steiermark) und schloss sich hier der radicalen Arbeiterbewegung an. Wegen seiner Mitarbeit an der Zeitung »Die Arbeit« (Marburg / Graz) des Schneidergehilfen Johann Risman (1864–1936) wurde er wegen sozialistischer Umtriebe von der Universität relegiert. 1888 setzte er sein Studium, diesmal der Philosophie, an der Universität Wien fort, wo er 1891 zum Dr. phil. promoviert wurde. Doch damals sympathisierte Kadisch bereits mit der Freiland-Bewegung von Dr. Theodor Hertzka (18451924) und beteiligte sich vor allem in den Jahren 1891 bis 1894 intensiv an den Diskussionen im Wiener »Freiland-Verein«. In dieser Zeit näherte er sich der Sozialdemokratie an. Klar ist, dass Kadisch stets eine kritische Distanz zur »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« bewahrte, die wiederholt in Ablehnung umschlug. Im März 1893 beklagte er die »Unklarheit der Socialdemokratie; aber leider besteht diese […] unter den Anhängern, sowohl, der freiheitlichen als auch unter den Führern selbst, in Deutschland so gut wie in Oesterreich. Eigentlich wollen Sie dasselbe«, warf er dem Sozialdemokraten Moriz Széps (1835–1902) vor, »was die bürgerlichen Parteien wollen. Ja, was wollen Sie denn so innerhalb der kapitalistischen Wirthschaftsordnung durchführen? Den Achtstundentag und das allgemeine Wahlrecht. […] Das Recht auf Arbeit gewiss nicht, dass [!] steht nicht in Ihrem Programm. Wenn Sie also nichts Anderes wollen, als Achtstundentag und allgemeines Stimmrecht, dann genügt ja eine rein demokratische Partei. […] Die Führer der Socialdemokraten erklären auf der einen Seite, sie wissen nicht, wie der Zukunftsstaat aussehen werde, und stehen auf der andern Seite auf dem Boden von Karl Marx und Engels, und wer nicht darauf schwört, ist entweder Bourgois [!] oder Anarchist. Lassen Sie einmal den autoritären Communismus fallen – und das müssen Sie thun, wenn Sie nicht wissen wollen, wie der zukünftige Staat aussieht – dann wird jener Zwiespalt unter den Socialisten einmal aufhören.«1 Und Kadisch warnte: »Es gibt sehr viele Socialisten, die […] der Ansicht sind, dass die heutige Socialdemokratie bewusst oder unbewusst dem Staatssocialismus zusteuert. […] Sie sagen: ›Die Production soll vergesellschaftlicht werden und dann liegt die Macht bei der Gesellschaft[‹], aber dafür bedanken wir uns. Wenn die ganze Production von einem Centrum aus organisirt wird, dann sind noch ganz andere, schrecklichere Zustände zu erwarten, als sie heute schon bestehen.«2 Ob solcher Kritik wurde Kadisch angeblich aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen3 und wurde Anarchist, ohne sich selbst jemals als solcher zu bezeichnen.
Hermann Kadisch wurde Haupttheoretiker der Freiheitlichen Sozialisten, entwickelte aber innerhalb dieser Gruppierung eine eigene Bewegung, deren Anhänger sich in dem Verein »Jung-Österreich« sammelten. Am 28. Jänner 1896 erschien in der Zeitung »Volkspresse« (Wien) ein später auch in anderen Organen veröffentlichter Aufruf: »Die Statuten eines Vereins ›Jung-Oesterreich‹ sind genehmigt. Derselbe soll alle umfassen, die in der Social-Wissenschaft, Literatur und Kunst modernen Ideen huldigen und in Wort und Schrift auch diese Ideen bethätigen wollen. Heraus, Ihr Socialpolitiker, Friedensfreunde, Ethiker, Freidenker, die Ihr Gegner seid jedes Dogmatismus und aller Cliquenwirtschaft; reicht uns die Bruderhand, um das vereint zu erreichen, was getrennt nie erzielt werden kann. Weg mit allen Schranken der Nationalität, Confession und des Standes, weg mit jeder Einschränkung der individuellen Freiheit. Wir schätzen das Individuum höher als den abstracten Haufen, wir wollen keine Partei im militärisch-kirchlichen Sinne sein, sondern in erster Linie Menschen. – Verständigung auf dem Gebiete der Humanität und des Magens sei die Losung ›Jung-Oesterreichs.‹«4
Vorab sei darauf hingewiesen, dass dieser nichts zu tun hatte mit der als »Junges Österreich« beziehungsweise »Jung Österreich« zusammengefassten, im Umfeld der Revolution von 1848 entstandenen liberalen Oppositionsbewegung. Schon der erste Vortrag des Vereins »Jung-Österreich« diente der sozialpolitischen Positionierung, wobei auch der Vortragsort richtungsweisend ist. Am 18. April 1896 sprach der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Friedrich Elbogen (1854–1909), bekannt als Verteidiger vieler Anarchistinnen und Anarchisten, in der Jüdischen Akademie-Lesehalle in Wien 9., Harmoniegasse 8, über »Jung-Österreich (die modernen sozialen und politischen Strömungen)«. Bemerkenswert ist zum einen die betont pazifistische Orientierung des Vereins »Jung-Österreich«. Dies dokumentiert sich auch in dessen Vorträgen. So sprach am 29. Jänner 1898 in »Leber’s Restauration« (Emilie Leber) in Wien 1., Babenbergerstraße 5, der Journalist und Pazifist Oberstleutnant Moritz von Egidy (1847–1898) vor etwa 400 Personen über »Die Wandlungsbestrebungen der Gegenwart«. Und am 25. Jänner 1899 referierten in der Restauration »zum goldenen Sieb« (Josef Heurteur) in Wien 4., Paniglgasse 17, der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Max Kolben (1855–?) über »Die Friedensbewegung« sowie der Schriftsteller und Friedensaktivist Arthur Gundaccar von Suttner (1847–1902) über seine »Mitteilungen über den Friedenskreuzzug«. Zum anderen wurde natürlich die damals viel diskutierte Nationalitätenfrage behandelt. So sprach am 25. November 1899 im Restaurant »zur großen Tabaks-Pfeife« (Johann Vogel) in Wien 1., Goldschmiedgasse 7, der Journalist, Sozialphilosoph und Zionist Dr. Paul Weisengrün (1868–1923) »Über die österreichische Frage«.
Genau diese Frage wurde zumindest in den frühen Jahren des Vereins »Jung-Österreich« von den Ansichten Hermann Kadischs wesentlich geprägt. Er stellte diese Bewegung unter das Motto: »Hört Ihr’s, Oesterreicher, laßt Euch’s sagen, [/] Die nationalen Fexen haben die Freiheit erschlagen!«5 Vor dem Hintergrund der so genannten Badeni-Krise entwickelte er ein Programm der nationalen Autonomie, das er als »jung-österreichisch« beziehungsweise »neu-österreichisch« charakterisierte, womit erstmals und wohl einzigartig in Europa eine anarchistische Bewegung ein nationales Prädikat erhielt. Kadisch beurteilte die vorhandenen Institutionen politischer Macht als unfähig, das Nationalitätenproblem Österreich-Ungarns zu lösen: »Unmöglich ist ja das Eine gerade so, wie das Andere: es ist unmöglich mit dem § 14,6 d. h. absolutistisch, Österreich zu regieren, weil das vielsprachige Österreich – mehr als jeder andere Staat – auf eine freiheitliche Organisierung angewiesen ist; denn nur eine solche kann die Wunden erträglich machen, welche der nationale Fanatismus dem österreichischen Staatswesen täglich schlägt. Der Absolutismus – ob verhüllt oder unverhüllt – ist nicht bloß unfähig, die nationalen Wirren auch nur relativ zu lösen; er wäre vielmehr imstande, das schwerkranke Österreich einem ›inneren Königgrätz‹ zuzutreiben. Aber wir müssen gerecht sein: an die zweite ›Möglichkeit‹, Österreich zu saniren mit Hilfe der heutigen Parteien, auf parlamentarischem Wege mit der heutigen Verfassung ist ebensowenig zu denken, als an die erste.«7 Mit der »heutigen Verfassung« ist die auf dem Ausgleich mit Ungarn beruhende der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn gemeint: »Wir vertreten mit aller Entschiedenheit die Anschauung, daß das alte historisch gewordene Oesterreich, so wie es insbesondere als dualistisches Oesterreich-Ungarn durch die 1867er December-Verfassung construirt wurde, sich vollständig überlebt hat, und alle Versuche, auf dem seit 32 Jahren in beiden Reichshälften betretenen Wege fortzuwandeln, müssen zur Verewigung der Krise, zum chronischen Chaos führen.«8 Alle im Reichsrat vertretenen Parteien, insbesondere die beiden großen – christlichsoziale und sozialdemokratische –, sowie der Feudalismus basierten auf dieser Verfassung. »Es wird dadurch immer wieder von Neuem bewiesen, daß Feudale und Clericale ihre Herrschaft in Oesterreich in politischer wie in ökonomischer Richtung nur dadurch behaupten können, daß sie die Nationalitätenhetze und den Antisemitismus in immerwährender Gluthitze aufrechtzuerhalten suchen und die Schergen dieser feudal-clericalen Reaction sind die – nationalen und antisemitischen Exaltados aller Volksstämme der Monarchie.«9 In seiner Kritik der Klerikalen richtete sich Kadisch nicht direkt gegen das Christentum, sondern gegen dessen Politisierung durch die Christlichsozialen in Reichsrat, Landtag und Gemeinderat. »Jawohl, eine Emancipation des christlichen Volkes ist nothwendig, aber von denjenigen Christen, die der auferstandene Christus wegen Prostituirung seiner hehren christlichen Lehren mit einer Hundspeitsche aus allen Vertretungskörpern hinausjagen würde. Es ist eine Emancipation nothwendig von denjenigen, nur insoferne gegen Ausbeutung donnern, als sie ein Monopol für unbeschnittene Gauner anstreben. Jenes schwarze Jesuitenthum, welches dem Volke seinen letzten Bissen Brot vertheuert und die Geschäfte der Fleisch-, Brot- und Lebensmittelwucherer überhaupt besorgt, möge nicht allzu frech werden. Hat man die Liberalen mit Ruthen zum Teufel gejagt, dann wird man die christlichsocialen Schwindler, die nur eine verjesuitete Schule erstreben und zu diesem Zwecke das Christenthum in frevelhaft betrügerischer Weise mißbrauchen, mit Skorpionen hinwegpeitschen.«10 Auch die Sozialdemokratie blieb nicht ungeschoren: »Die socialdemokratische Parteileitung hat sich bisher ebenso wie alle bürgerlichen Parteien Oesterreichs ohne Ausnahme um die Nationalitätenfrage herumgedrückt mit Redensarten, die eben, wie am socialdemocratichen Parteitage selbst zugestanden wurde, nicht mehr genügen. Der Internationalismus der socialistischen Bewegung schließt nicht nur eine präcise Stellung zur österr[eichischen] Frage und gegenüber den Nationaliätenhetzen in Oesterreich nicht aus, sondern erfordert sie gebieterisch. Wenn der Satz: ›Proletarier aller Länder vereinigt euch‹ keine leere Phrase sein soll, dann ist es selbstverständlich die geschichtliche Aufgabe des Socialismus, speciell in Oesterreich das zu Stande zu bringen, was die bürgerlichen Parteien und bürgerlichen, sowie feudalen Regierungen nicht vermochten – die Verständigung der Nationalitäten Oesterreichs. Die Verfechtung des Standpunktes, daß Oesterreich darum in Trümmer gehen müsse, weil es aus verschiedenen Nationalitäten besteht, welche von unfähigen reactionären Regierungen und corrupten capitalistischen Parteien gegeneinander gehetzt wurden, würde eine Capitulation des internationalen Socialismus vor den [!] nationalen Fanatismus bedeuten und wäre ein blanker Verrath an unseren internationalen Principien.«11 Der Begriff »österreichisch« war Kadisch also gleichsam eine Vorstufe zum weltumfassenden Internationalismus, Österreich war ihm ein territoriales Experimentierfeld, verschiedene Nationen (aber auch Konfessionen) gleichberechtigt neben und miteinander leben zu lassen – womit er sich übrigens auf der internationalen Ebene zumindest teilweise mit den Interessen des Kaisers traf.12
Hermann Kadisch fürchtete vor allem die Folgen des Nationalismus: »Der nationale Chauvinismus, eine internationale europäische Seuche, die in Oesterreich seinen bleibenden Herd aufschlug und alles, was daselbst Gutes hervorgebracht werden könnte, im Vornhinein [!] erwürgt, mündet […] unzweifelhaft deutlich in den Rassenantisemitismus aus.«13 Dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sah Kadisch bloß ein Mittel: »Nur ein Systemwechsel, welcher in Oesterreich tabula rasa macht mit dem Feudalismus und Clericalismus, mit dem nationalen Chauvinismus und Antisemitismus und der Nährmutter aller diese – Ismuse – ›der capitalistischen Wirthschaft‹ – kann Oesterreich zu seiner Gesundung führen, durch – vollständige nationale, confessionelle und sociale Gleichberechtigung aller österreichischen Staatsbürger.«14
Darin erblickte Hermann Kadisch das neue Österreich: »Ja, Alt-Oesterreich ist todt, aber wir wollen Neu-Oesterreich nicht nur auf demokratischer, sondern auf socialistischer Grundlage. Der sociale Gedanke und der jung-österreichische schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Die alt-österreichischen Parteien haben die Geschäfte des Feudalismus, Clericalismus und Capitalismus besorgt; die anti-österreichischen Nationalisten wieder arbeiten für die Herrschaft der Knute und Pickelhaube in Europa. Wir dagegen fußen wohl als arbeitende Menschen auf dem Standpunkte des internationalen, freiheitlichen, genossenschaftlichen Socialismus, aber als Oesterreicher, als Jungösterreicher sind wir social-österreichisch.«15
Dass Hermann Kadischs Idee eines Neu-Österreich fixer weltanschaulicher Bestandteil der Freiheitlichen Sozialisten war, bezeugt beispielsweise die programmatische Erklärung des Tischlergehilfen und Journalisten Richard Kollhammer, verantwortlicher Redakteur der Zeitung »Neue Bahnen« (Wien): »Unbeugsam und entschieden werden wir – ohne Opportunismus und taktische Rücksichten – die Nationalitäten- und Racenhetze vom socialistischen Standpuncte bekämpfen als ein Haupthemmniß des politischen und socialen Fortschrittes, als den Bestand Oesterreichs (der für uns nicht eine Frage der Taktik ist) gefährdend. Ein Neu-Oesterreich mit nationaler Autonomie für alle Völker – durch die wirthschaftliche Organisation zum genossenschaftlichen Socialismus – freie Discussion für alle Socialisten – Kampf gegen jede Orthodoxie und Corruption ist unsere Devise.«16 Dennoch, der Erfolg blieb den Freiheitlichen Sozialisten ebenso versagt, wie Neu-Österreich. Die Bewegung dürfte gerade noch die Jahrhundertwende erlebt haben, ehe die ohnedies wohl immer sehr kleine anarchistische Gruppe von der sozialpolitischen Bildfläche verschwand.
Diesen Wandel vom sozialpolitischen zum literarischen-künstlerischen Verein »Jung-Österreich« lässt sich auch an dessen Obmännern verfolgen. Obmänner dieser »Vereinigung aller Modernen zum Zwecke der Pflege von Sozialwissenschaft, Literatur und Kunst« waren von 1896 bis 1898 Franz Xaver Maly und von 1898 bis 1902 der Kaufmann und Friedensaktivist Dr. Julius Wilhelm (1861–1939), ehemaliger Anhänger der Freiland-Bewegung von Dr. Theodor Hertzka (1845–1924). Die nachfolgenden Obmänner waren eindeutig vor allem an Literatur, Kunst und Musik interessiert: von 1902 bis 1906 der pensionierte Polizeirat Dr. Karl Edler von Rueber (1847–1906), von 1906 bis 1909 der Journalist Franz Bernecker, von 1909 bis 1910 Dr. med. Gustav Slekowecz alias Gustav Slekow (1873–1937), von 1910 bis 1912 Dr. Wladimir Kuschnir (1881–1938) und seit 1912 Karl Denk. Obmann-Stellvertreter war von Anbeginn bis zur Auflösung des Vereins Dr. Hermann Kadisch. Der Verein »Jung-Österreich« stellte spätestens 1922 seine Tätigkeiten ein, ist aber nur in den Jahren bis zur Jahrhundertwende mit dem von Kadisch propagierten Neu-Österreich als anarchistischer zu verstehen. Das änderte sich auch nicht, als Anhänger der Freiheitlichen Sozialisten 1907 den »Sozial-freiheitlichen Volksverein Neu-Österreich« gründeten. Dessen Obmänner waren von 1907 bis 1908 der Schablonenhersteller Karl Hauschild, von 1908 bis 1911 der Schriftsteller Dr. jur. Oskar Bittermann (1881–1950) und von 1911 bis 1918 der Sparkassenbeamte, Schriftsteller und Journalist Viktor Schodl (1873–?).
Längst wurde der Begriff »Jung-Österreich« in der Öffentlichkeit so wahrgenommen, wie ihn der sich als Wortführer gebärdende Literat Hermann Bahr (1863–1934) verstand. Der im Laufe seines Lebens in fast allen politischen und weltanschaulichen Lagern wühlende Bahr behauptete 1904 von sich: »Politisch: früher Sozialdemokrat, jetzt eher Anarchist, da es mein fester Glaube ist, unsere Kultur müsse zugrunde gehen, wenn es ihr nicht gelingt, zur vollkommenen Freiheit zu gelangen, welche durchaus keine Gewalt mehr nötig hat. Oder sagen wir statt Anarchist lieber: Japaner.«17 Es bedarf wohl keiner Erwähnung, dass Hermann Bahr nie anarchistischen Bewegungen angehörte, dass es sich bei dieser Selbstdarstellung nur um eine seiner Koketterien handelte. Einer seiner frühen Anhänger, der Journalist und Schriftsteller Karl F. Kocmata (1890–1941) urteilte später als Anarchist über Hermann Bahr und dessen »Jung-Österreich«: »Der Mann ist Komödiant. Und noch dazu: ein schlechter. Hans Dampf in allen Gassen. Ein Quatscher, ein Plauderer, einer der sein inneres Leben nicht lebt, sondern nach äußeren Dekreten – spricht.«18 »Er hat die österreichische Aufgeblasenheit in der Literatur gezüchtet«, meinte Kocmata: »Heute suchten ein Dutzend Neu-Österreicher den, der sie selber sucht und auf sie wartet. Sie spähten in den Seitengassen nach Bahr. Die von der Provinz sind nicht gekommen; haben keine Schuhe, keine neuen Röcke und Bahr residiert in der Hauptstraße. Und so suchten die Jungen den, der sie selber sucht. Hermann Bahr wartet im Salon, im Salon Österreichs.«19
Zurück zu Hermann Kadisch, der dem Anarchismus noch eine Zeit lang erhalten blieb. Er war zwar in den diversen Organisationen der Freiheitlichen Sozialisten weiterhin aktiv. Vor allem aber bemühte er sich nach dem Ende der Zeitung »Neue Bahnen« (Wien) 1899 um die Schaffung einer deutschsprachigen anarchistischen Zeitung in Österreich. So plädierte er auf der Bergarbeiterkonferenz in Teplitz (Böhmen [Teplice, Tschechien]) am 21. Oktober 1900 für die Herausgabe eines solchen Organs, drang aber mit seinem Vorschlag nicht durch. Auf völlige Ablehnung stieß er jedoch, als Kadisch sich dafür aussprach, die Anarchisten Österreichs einheitlich organisieren zu wollen.20 Auf der Konferenz der Freien Sozialisten im Juni 1905 in Wien trat Kadisch als Vertreter freisozialistischer Zionisten auf: »Wenn man, wie wir, die Staatsorganisation ablehnt, gibt es nur mehr eines, die genossenschaftliche Organisation. Wir erstreben die freie Assoziation, wo die Leute im Besitze auch der Arbeitsmittel bleiben. Wir müssen uns auch klar sein, wie wir die gegenwärtige Wirtschaftsordnung beseitigen wollen. Eine wirtschaftliche Aufklärung des Volkes bleibt Grundnotwendigkeit. Wir wollen die wirtschaftliche Organisation, aber wir wollen nicht warten, bis dies einmal von selbst kommt, sondern schon jetzt müssen wir die Arbeit vornehmen, indem wir Gewerkschaften ins Leben rufen, die eng mit den Konsumgenossenschaften zusammenhängen. Die Vereinigung von Konsum- und Produktionsgenossenschaften ist zu fördern, so daß ohne Zwischenhandel eine Brücke gebildet werde zwischen Konsumtion und Produktion.«21 Auch seine zionistische Position präzisierte Kadisch: »Da man allgemein auf dem Standpunkte steht, daß die Juden eine Nation bilden, sondern sie vielfach nur für eine Konfession erklärt, sehe ich mich genötigt, […] eine Erklärung abzugeben. Der übliche Standpunkt ist, daß man die Frage entweder nur als wirtschaftliche oder nur als konfessionelle betrachtet. Das können wir nicht akzeptieren und ein großer Teil des jüdischen Proletariats ist damit nicht einverstanden und will nicht als Sündenbock gelten für die Sünden der jüdischen Marxistenführer. […] Lesen Sie aber die Marxistischen Blätter, so werden Sie die Judenfrage immer als konfessionelle Frage im Vordergrunde vor allen anderen Fragen behandelt sehen, obgleich sie doch eine nationale ist. Wir betrachten die Juden nicht als Deutsche, Tschechen oder dergleichen, sondern als Angehörige der jüdischen Nation und verbinden damit die Auswanderungspolitik nach Afrika, Argentinien usw.«22 Wie der Begriff der Nation mit anarchistischem Denken zu vereinbaren sei, erklärte Kadisch nicht, betonte aber seine prinzipiell anarchistische Einstellung, welche sich wohl kaum von jener der ehemaligen Freiheitlichen Sozialisten unterschieden haben dürfte. Dafür spricht auch sein Einsatz für eine freiheitliche Erziehungsarbeit: »Zur Beseitigung der Herrschaft, wie wir es anstreben, müssen wir aufgeklärte Menschen haben. Diese Aufklärungsarbeit ist für uns die wichtigste.«23 Neu war lediglich Kadischs offenes Bekenntnis zu jenem Zionismus, den er in seiner programmatischen Broschüre »Jungjuden und Jungösterreich« propagierte.24
Später wird Hermann Kadisch nur noch vereinzelt mit anarchistischen Bewegungen in unmittelbare Berührung kommen. 1912 erschien die zweite Auflage seiner Schrift »Jung-Juden und Jung-Oesterreich« in dem vom Wiener Anarchisten Karl F. Kocmata (1890–1941) betriebenen Adria-Verlag..25 Und Kocmata war es auch, der Kadischs Broschüre »Otto Weininger. Die Liebe und das Weib. Ein Versuch« 1917 in seinem Verlag Neue Bahnen und neuerlich 1921 in seinem Verlag des Ver! veröffentlichte.26 Hervorgehoben sei noch Kadischs hauptberufliche Mitarbeit an der Zeitung »Oesterreichisches Volksblatt. Unparteiisches Zentralorgan für Wirtschaftspolitik und Mittelstandsinteressen« (Wien) von 1911 bis 1912, in welchem er Artikel veröffentlichte, die ihn noch als libertären Denker ausweisen. Hermann Kadisch, der 1929 und 1930 engeren Kontakt zu Rudolf Großmann alias Pierre Ramus (1882–1942) unterhielt,27 starb wenig beachtet am 4. Jänner 1934 in Bad Vöslau (Niederösterreich).
Alles in allem blieben die Bewegung der Freiheitlichen Sozialisten und Hermann Kadischs »Jung-Österreich« auf Wien beschränkt. Natürlich tauchten um die Jahrhundertwende auch in Wien jenseits der genannten Bewegungen vereinzelt Personen auf, die zumindest Sympathien für anarchistische Ideen hegten. Sie sind aber eher als eine Fußnote zum Anarchismus in Österreich zu betrachten. Als Beispiel sei hier der Schriftsteller und Jurist Karl Federn (1868–1943) genannt, der in den Jahren 1902 bis 1908 Werke des englischen Anarchisten Edward Carpenter (1844–1929)28 und des belgischen Anarchisten Jacques Mesnil (1872–1940)29 übersetzte. Karl Federn war übrigens der Bruder der Anarchistin Etta Federn (1883–1951).
Autor: Reinhard Müller
Version: Dezember 2025
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Weiter: Die steirischen Anarchisten und »Der Freie Socialist«. 1902
Daten
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Diskussionsbeitrag von Hermann Kadisch (1862–1934), abgedruckt in [anonym]: Wiener Freiland-Verein, in: Freiland (Wien), 2. Jg., Nr. 16/17 (28. März 1893), S. 1–5, hier S. 2–3.
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Diskussionsbeitrag von Hermann Kadisch (1862–1934), abgedruckt in [anonym]: Wiener Freiland-Verein, in: Freiland (Wien), 2. Jg., Nr. 16/17 (28. März 1893), S. 1–5, hier S. 3.
- 3
Im Widerspruch zur Zeitung »Freiland« (Wien), wo er stets und unwidersprochen als Sozialdemokrat bezeichnet wurde, wehrte sich Hermann Kadisch (1862–1934) später gegen »die so oft wiederholte, aber nicht ein einzigesmal bewiesene Behauptung […], daß Dr. Kadisch schon ›verschiedenen Parteien angehört‹ habe; obwohl derselbe wiederholt in Wiener Versammlungen bündig genug erklärt hat, daß er nie der socialdemokratischen Partei angehörte, mithin auch unmöglich aus ihr ausgeschlossen worden sein könne«; H. K. [d. i. Hermann Kadisch]: Glossen, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 10 (31. August 1899), S. 3.
- 4
Hier zitiert nach: Die Waffen nieder! Monatsschrift zur Förderung der Friedensbewegung (Dresden – Wien), 5. Jg., Nr. 2 (Februar 1896), S. 73–74.
- 5
H. K. [d. i. Hermann Kadisch (1862–1934)]: Die Thätigkeit des wiedererstandenen Parlamentes, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 14 (31. Oktober 1899), S. 4.
- 6
Der Notstandsparagraph 14 ermöglichte es der Regierung, ohne das Parlament Gesetzte zu beschließen. Sie konnte also diktatorisch am Reichsrat vorbei regieren.
- 7
H. K. [d. i. Hermann Kadisch (1862–1934)]: Alt- und Neu-Oesterreich. (Fortsetzung.), in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 9 (8. August 1899), S. 1.
- 8
H. K. [d. i. Hermann Kadisch (1862–1934)]: Alt- und Neu-Oesterreich. III., in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 11 (21. September 1899), S. 2–3, hier S. 1.
- 9
H. K. [d. i. Hermann Kadisch (1862–1934)]: Glossen, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 13 (16. Oktober 1899), S. 4.
- 10
H. K. [d. i. Hermann Kadisch (1862–1934)]: Glossen, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 6 (18. Mai 1899), S. 4.
- 11
H. K. [d. i. Hermann Kadisch (1862–1934)]: Alt- und Neu-Oesterreich. IV., in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 12 (30. September 1899), S. 1–2.
- 12
Man darf auch nicht vergessen, dass der Begriff »österreichisch« in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie noch andere Konnotationen hatte als heute. Immerhin führte keine der im Reichsrat vertretenen Parteien dieses Prädikat, während es sehr wohl z. B. deutsche, tschechische, polnische, ruthenische, slowenische, italienische, kroatische Parteien gab.
- 13
H. K. [d. i. Hermann Kadisch (1862–1934)]: Glossen, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 11 (21. September 1899), S. 4.
- 14
H. K. [d. i. Hermann Kadisch (1862–1934)]: Glossen, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 13 (16. Oktober 1899), S. 4.
- 15
H. K. [d. i. Hermann Kadisch (1862–1934)]: Alt- und Neu-Oesterreich. IV., in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 12 (30. September 1899), S. 1–2, hier S. 2.
- 16
Die Redaction und Administration der »Neuen Bahnen« [d. i. Richard Kollhammer]: An unsere Gesinnungsgenossen, Abonnenten und Leser!, in: Neue Bahnen (Wien), 1. Jg., Nr. 12 (30. September 1899), S. 1.
- 17
Hermann Bahr (1863–1934): [Selbstbiographie], in: Albert Langens Verlags-Katalog 1894 – 1904. 36 Selbstbiographien der Verlagsautoren. 57 Karikaturen von O[laf] Gulbransson und Th[omas] Th[eodor] Heine. München: Albert Langen Verlag 1904, S. 4.
- 18
Karl F. Kocmata (1890–1941): Hermann Bahr, Österreichs Breitmäul. Eine Abrechnung. Erstes bis fünftes Tausend. Wien: Verlag Neue Bahnen – Karl F. Kocmata 1916 (= Neue Bahnen – Schriften aus der Zeit. 1.), S. 12.
- 19
Karl F. Kocmata (1890–1941): Hermann Bahr wartet auf Neuösterreicher, in: Das Gesindel (Wien), 2. Jg., Nr. 4/5 (April – Mai 1912), S. 3–4.
- 20
Vgl. Die socialdemokratische und anarchistische Bewegung im Jahre 1900. Wien: Druck der kaiserlich-königlichen Hof- und Staatsdruckerei 1901, S. 209–210.
- 21
Stellungnahme von Hermann Kadisch (1862–1934), abgedruckt in: Protokoll über die Konferenz der freisozialistischen Partei in Österreich am 11. und 12. Juni 1905 in Wien (VII., Bernhardgasse Nr. 37), in: Freisozialistischer Arbeiterbund in Österreich (Wien), 1. Jg., Nr. 13 (8. Juli 1905), S. 3–25, hier S. 10–11.
- 22
Stellungnahme von Hermann Kadisch (1862–1934), abgedruckt in: Protokoll über die Konferenz der freisozialistischen Partei in Österreich am 11. und 12. Juni 1905 in Wien (VII., Bernhardgasse Nr. 37), in: Freisozialistischer Arbeiterbund in Österreich (Wien), 1. Jg., Nr. 13 (8. Juli 1905), S. 3–25, hier S. 13.
- 23
Stellungnahme von Hermann Kadisch (1862–1934), abgedruckt in: Protokoll über die Konferenz der freisozialistischen Partei in Österreich am 11. und 12. Juni 1905 in Wien (VII., Bernhardgasse Nr. 37), in: Freisozialistischer Arbeiterbund in Österreich (Wien), 1. Jg., Nr. 13 (8. Juli 1905), S. 3–25, hier S. 14.
- 24
Vgl. Dr. Hermann Kadisch (1862–1934): Jungjuden und Jungösterreich. Sonderabdruck aus dem »Jüdischen Volksblatt«. Wien: Im Verlage der »Jüdischen Vereinigung« in Wien 1905, 36 S., Umschlagtitel: Jungjuden und Jung-Österreich. Herausgegeben von der »Jüdischen Vereinigung«. Separat-Abdruck a. d. »Jüdischen Volksblatt«; Sonderdruck aus: Jüdisches Volksblatt (Wien). Vgl. auch Dr. [Hermann] Kadisch: Zur Programmfrage der österreichischen Zionisten, in: Jüdische Volksstimme (Brünn), 7. Jg., Nr. 15 (1. August 1906), S. 5.
- 25
Vgl. Dr. H[ermann] Kadisch (1862–1934): Jung-Juden und Jung-Österreich. Zweite revidierte Auflage. Wien: Druck und Verlag: »Adria«, Ges. m. b. H. 1912, 31 S.
- 26
Vgl. [Hermann Kadisch (1862–1934)]: Otto Weininger, die Liebe und das Weib. Ein Versuch. Wien: Verlag Neue Bahnen 1917 [recte 1916] (= Neue Bahnen – Schriften aus der Zeit. Herausgeber: Karl F. Kocmata]. 3.), 20 S., anonym erschienen. Vgl. auch X–Y–Z [d. i. Hermann Kadisch]: Otto Weininger, die Liebe und das Weib. Ein Versuch von X–Y–Z. Zweite, unveränderte Auflage. 6.–10. Tausend. Wien: Im Verlage der Zeitschrift »Ver!« 1921 (= Stimmen aus der Zeit. Flugschriften des »Ver!«. Herausgegeben von K[arl] F. Kocmata. 2.), 16 S.
- 27
Vgl. die Korrespondenz von Hermann Kadisch (1862–1934) mit Rudolf Großmann alias Pierre Ramus (1882–1942) im Nachlass Pierre Ramus, Mappen 160 und 161, im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam Nachlass Pierre Ramus, IISG.
- 28
Vgl. Edward Carpenter (1844–1929): Wenn die Menschen reif zur Liebe werden. Eine Reihe von Aufsätzen über das Verhältnis der Geschlechter von Edward Carpenter. Einzig autorisierte Uebersetzung von Karl Federn. Leipzig – Berlin: Verlag von Hermann Seemann Nachfolger 1902, 321 S.; ders.: Die Civilisation, ihre Ursachen und ihre Heilung. Aufsätze von Edward Carpenter (Verfasser von: »Wenn die Menschen reif zur Liebe werden«). Autorisierte Uebersetzung von Dr. Karl Federn. Leipzig – Berlin: Verlag von Hermann Seemann Nachfolger 1903, 306 S.; ders.: Die Schöpfung und das Kunstwerk. Abhandlungen über das Ich und seine Kräfte. [/] Edward Carpenter. Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen von Karl Federn. Mit Titelzeichnung von Max Hertwig. 1. und 2. Tausend. Jena: Verlegt bei Eugen Diederichs 1908, II, 241 S.
- 29
Vgl. Jacques Mesnil (1872–1940): Die freie Ehe von Jaques Mesnil. Autorisierte Uebersetzung von Karl Federn. Schmargendorf-Berlin: Verlag »Renaissance«, Otto Lehmann 1903, 41 S. Falsche Namensangabe beim Verfasser auf der Haupttitelseite: »Jaques Mesnil« statt »Jacques Mesnil«. Die Übersetzung erschien zuerst in: Dokumente der Frauen (Wien), 16. Jg., 1. April bis 15. Mai 1901.