Sonja Großmann (1884–1973)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Ehe: in London (England) am 5. März 1912 und standesamtlich in Klosterneuburg (Niederösterreich) am 16. März 1916 mit Rudolf Großmann alias Pierre Ramus (Wien 15. April 1882 – auf dem Atlantik auf dem unter portugiesischer Flagge stehenden Schiff »Guiné« 27. Mai 1942): Publizist, Schriftsteller, Journalist, Übersetzer, Redakteur, Zeitungsherausgeber; Anarchist
Tochter: »Lilly« Elisabeth Friedman ‹Элизабет Фридман›, mit 5. März 1912 legitimierte Großmann, verheiratete Baum, verheiratete Lilly Elizabeth Schorr (Grodno ‹Гродно›, Russland [Hrodna ‹Гродна›, Belarus] 5. Dezember 1907 – Los Angeles, California, USA 12. April 2000): Dr. phil. (Romanistik), Verlagsmitarbeiterin, Sekretärin, Hochschullektorin und Übersetzerin, anarchistische Aktivistin; Heirat in erster Ehe in Wien im Februar 1934 mit Walter Baum (Wien 1903 – Rom ‹Roma›, Italien 24. April 1941): Dr. jur., Rechtsanwalt und Beamter des Völkerbundes; das Ehepaar emigrierte 1934 nach Paris (Frankreich), 1939 Flucht nach Bern / Berne / Berna (Kanton Bern, Schweiz), 1940 nach Merano [Merano /Meran] (Italien) und 1941 nach Rom ‹Roma› (Italien); sie heiratete in zweiter Ehe in Rom ‹Roma› am 25. Juni 1944 Felix Schorr (Wien 18. Juli 1895 – Chicago, Illinois, USA 1. August 1971): Firmenvertreter; das Ehepaar emigrierte 1947 in die USA; Anarchistin
Tochter: »Erna« Erwina Friedman, mit 5. März 1912 legitimierte Großmann, verheiratete Heine; ab 1944: Erna Hines, verheiratete Erna Erwine Sheldon (Wien 25. März 1910 – Los Angeles, California, USA 28. Oktober 1993): Hausfrau; Heirat in erster Ehe in Wien mit Sigmund Heine, ab 1944: Henry Sigmund Hines (Alt Quetzin, Preußen [Kukinia, zur Gmina Ustronie Morskie, Polen] 28. Dezember 1900 – Los Angeles, California, USA 17. Juni 1960): Inhaber einer Möbelhandlung, zuletzt Investor, pazifistischer Aktivist; 1938 Flucht des Ehepaares über die Niederlande nach London (England) und 1940 in die USA; sie heiratete in zweiter Ehe Leonard Thomas Sheldon (Waco, Texas, USA 10. Dezember 1910 – San Marino, California, USA 27. November 1987)
Biographie
Sonja Großmann, Tochter einer Hausfrau und eines Handelsmannes, wuchs in einer kinderreichen und wohlhabenden Familie in Grodno ‹Гродно› (Russland [Grodna ‹Гродна›, Belarus]) auf. Sie stieß als kaum Zwölfjährige zur russischen revolutionär-sozialistischen Bewegung, in der ihre älteren Brüder tätig waren. Nach der Verhaftung eines Bruders und weiterer Mitglieder dieses Kreises flüchtete Sonja Großmann 1896 mit einer älteren Schwester nach England. In London lernte sie den 1903 aus den USA geflüchteten gebürtigen Wiener Anarchisten Rudolf Großmann alias Pierre Ramus (1882–1942) kennen, der damals noch den Kampfnamen »Kl(arend) Morleit« führte und später als »Pierre Ramus« bekannt wurde.
Im Juni 1907 kamen Sonja Großmann und Pierre Ramus nach Wien, wo sie zunächst in Wien 3., Löwengasse 5/3/10, seit 1908 in Wien 15., Goldschlagstraße 90/6, wohnten. Sonja und Pierre Ramus, die erst am 5. März 1912 in London heirateten, hatten zwei Töchter: Elisabeth Friedmann, legitimierte Großmann (1907–2000), verwitwete Baum, verheiratete Lilly E. Schorr, und Erwina Friedmann, legitimierte Großmann (1910–1993), verwitwete Hines, verheiratete Erna H(ines) Sheldon.
Im Oktober 1909 übersiedelte die Familie Großmann nach Klosterneuburg (Niederösterreich), wo sie im Haus Kierlinger Straße 183 eine Wohnung mieteten. In dieser nahe Wien gelegenen Kleinstadt bezogen sie im November 1911 im Ortsteil Neukierling das mit der Erbschaft Sonja Großmanns gekaufte und später neu errichtete Haus Schießstättegraben 237 (seit 1930 Schubertgasse 42), in welchem das Ehepaar seither wohnte.
Gemeinsam mit ihrem Kampfgefährten Pierre Ramus initiierte Sonja Großmann um die Zeitung »Wohlstand für Alle« (Wien), 1907 bis 1914, eine eigenständige anarchistische Bewegung in Österreich. Nach dem Ersten Weltkrieg fand diese ihre Fortsetzung im »Bund herrschaftsloser Sozialisten« und dessen von 1918 bis 1933 erschienenen Zeitung »Erkenntnis und Befreiung« (Wien – Graz – Ludwigshafen), die zwischendurch als »Der Anarchist« erschien. Sonja Großmann tippte die Manuskripte Pierre Ramus’ ab, organisierte dessen Reisen, fertigte Übersetzungen für die Zeitungen an und bewirtete die unzähligen Besucherinnen und Besucher in ihrem Haus in Klosterneuburg. Sie war außerdem die Organisatorin des Föderativkomitees sowie der Presskommission und eigentliche Herausgeberin der Zeitungen des »Bundes herrschaftsloser Sozialisten«. Die begabte Gärtnerin war es auch, die ihren Mann nach der Ankunft in Österreich zum Vegetarismus brachte. Sonja Großmann vertrat gleichsam die Anarchistinnen der Anhängerschaft Ramus’ nach außen, nahm 1916 an Veranstaltungen der »Frauengruppe der ethischen Gemeinde in Wien« teil und wurde 1919 Mitglied des österreichischen Zweigs der »Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit« und 1921 des »Bundes der Kriegsdienstgegner«. Dem 1934 erfolgten Verbot des »Bund herrschaftsloser Sozialisten« ging der so genannte Sterilisationsprozess voraus. Pierre Ramus wurde als Hauptverantwortlicher der vom »Bund herrschaftsloser Sozialisten« durchgeführten Vasektomien (temporäre Sterilisation des Mannes) in einem ersten Prozess in Graz (Steiermark) am 4. Juli 1933 gemeinsam mit den anderen zwnazig Angeklagten freigesprochen und reiste danach mit Sonja zu deren Verwandten nach London. Zum Revisionsverfahren kehrte Pierre Ramus nach Wien zurück und wurde am 8. Mai 1934 vom Obersten Gerichtshof zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung reiste er zu Sonja Großmann nach London, doch kehrten beide 1936 wieder nach Österreich zurück. Nach dem so genannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich versuchte das Ehepaar in die Tschechoslowakei zu flüchten. Nach dem Scheitern des Fluchtversuchs trennte sich das Paar, um nicht gemeinsam in die Hände der nationalsozialistischen Häscher zu fallen.
Im August 1938 flüchtete Sonja Großmann gemeinsam mit ihrer Tochter Erwina und deren Ehemann Siegmund Heine (1900–1960) über die Niederlande nach London. Im Oktober 1938 konnte sie zu ihrem mittlerweile in Paris (Frankreich) eingetroffenen Ehemann Pierre Ramus reisen. Da ihre Aufenthaltsbewilligung nicht verlängert wurde, kehrte Sonja Großmann im Jänner 1939 nach London zurück: Es war ihr letztes Zusammensein mit ihrem Ehemann.
Im Oktober 1940 gelang Sonja Großmann die Flucht in die USA, wo sie als »Sonja Freedman« bei ihrem seit 1915 in den USA lebenden Bruder Leo Freedman, eigentlich Lev Osipovič Friedmann ‹Лев Осипович Фридман› (1894–1990), einem wohlhabenden Geschäftsmann in San Diego (California, USA), Unterschlupf fand. Später übersiedelte sie nach Chicago (Illinois, USA), schließlich nach dem Erhalt der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft als »Sonja Grossman« nach Los Angeles (California, USA). Sonja Großmann besuchte nach 1945 wiederholt Verwandte und anarchistische Freundinnen und Freunde in Graz und Wien.
Mitarbeiter*innen an Periodika
- Wohlstand für Alle (Wien) 1907 bis 1914
- Erkenntnis und Befreiung (Wien / Wien – Graz / Graz – Wien – Ludwigshafen / Wien – Graz) 1918 bis 1933
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Autor: Reinhard Müller
Version: März 2026
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