Lilly E. Schorr (1907–2000)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Vater: Rudolf Großmann; Pseudonyme: Berta, Chamont / Chermont, Renée Emmy, R. G. Fernello, Josef Germin, Rodolphe Gralman, Rodolphe Grossman, Rudolph Grossman, Berta Hübel, Ernst Karpen, Rudolf Kleinmann, Liberator, Libertarian, Klarend Morelight [nach Englisch more light: mehr Licht], Kl. Morleit [nach Englisch more light: mehr Licht], Pierre Ramus, Friedrich Stürmer, R. G. Zepp; Spottname: Peter Zapfl (Wien 15. April 1882 – auf dem Atlantik auf dem unter portugiesischer Flagge stehenden Schiff »Guiné« 27. Mai 1942): Schriftsteller, Publizist, Journalist, Zeitungsherausgeber Übersetzer, Anarchist; Heirat in London (England) am 5. März 1912 mit:
Mutter: »Sonja« Sara Sofia Osipovna Friedmann ‹Сара София Осиповна Фридман› 18. September 1884 – Los Angeles, California, USA 14. November 1973): Übersetzerin, Zeitungsherausgeberin, Anarchistin
Schwester: »Erna« Erwina Friedmann, mit 5. März 1912 legitimierte Großmann (Wien 25. März 1910 – Los Angeles, California, USA 28. Oktober 1993): Hausfrau; erste Ehe in Klosterneuburg (Niederösterreich) am 9. März 1936 mit Siegmund Heine, in den USA: Henry S(igmund) Hines (Quetzen, Westfalen [zu Petershagen, Nordrhein-Westfalen] 28. Dezember 1900 – Los Angeles, California, USA 17. Juni 1960): Inhaber einer Möbelhandlung, zuletzt Investor, pazifistischer Aktivist; 1938 Flucht des Ehepaares über die Niederlande nach London (England) und 1940 in die USA; sie heiratete in zweiter Ehe Leonard Thomas Sheldon (Waco, Texas, USA 10. Dezember 1910 – San Marino, California, USA 27. November 1987)
erste Ehe: in Wien im Februar 1934 mit Walter Baum (Wien 1903 – Rome ‹Roma›, Italien 24. April 1941): Dr. jur., Anwalt in Wien, dann Beamter beim Völkerbund, dem Vorläufer der Vereinten Nationen (UNO)
zweite Ehe: in Rom ‹Roma› (Italien) am 25. Juni 1944 mit Felix Schorr (Wien 18. Juli 1895 – Chicago, Illinois, USA 1. August 1971): Firmenvertreter, dann Kaufmann
Kinder: keine
Biographie
Lilly E. Schorr wurde als uneheliches Kind der Anarchistin Sofia Osipovna Friedmann ‹София Осиповна Фридман› (1884–1973), der späteren Sonja Großmann, in der Geburtsstadt ihrer Mutter geboren und von ihrem Vater, dem Anarchisten Rudolf Großmann alias Pierre Ramus (1882–1942), als Tochter anerkannt. Bereits sechs Wochen nach ihrer Geburt kam sie nach Wien und im Oktober 1909 nach Klosterneuburg (Niederösterreich). Hier wuchs Lilly E. Schorr im anarchistischen und lebensreformerischen Milieu ihrer Eltern auf. 1925 wurde sie Mitglied des anarchistischen »Bundes herrschaftsloser Sozialisten«, in dessen Zeitung »Erkenntnis und Befreiung« (Wien – Graz) sie bereits seit 1924 eigene Texte, vor allem aber zahlreiche Übersetzungen veröffentlichte. Nach der Reifeprüfung studierte sie Romanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien, wo sie am 6. Februar 1934 aufgrund ihrer Dissertation »Gesellschaftsbild und Gesellschaftskritik im Heptameron der Margarete v. Navarra« im Fach Romanistik zur Doktorin der Philosophie promoviert wurde.
Wenige Tage danach heiratete Lilly E. Schorr in Wien den Rechtsanwalt und Beamten des Völkerbunds Dr. jur. Walter Baum (1903–1941), mit dem sie unmittelbar darauf nach Paris (Frankreich) übersiedelte. Hier hatte sie schon während ihres Studiums ein Jahr an der Sorbonne verbracht und ein Diplom erworben. In Paris war sie bis zum Kriegsbeginn 1939 zunächst als Verlagsmitarbeiterin, dann als Sekretärin bei einer Firma tätig. Das Ehepaar lebte auch einige Wochen mit Lilly E. Schorrs im Mai 1938 nach Paris geflüchteten Vater Pierre Ramus zusammen. Da Walter Baum als Katholik nicht unmittelbar bedroht war, reiste er im Mai 1938 noch einmal für rund vier Wochen nach Wien, um die Flucht von Lillys Mutter, Sonja Großmann, sowie von Lillys Schwester »Erna« Erwina Heine (1910– 1993) und deren Ehemann Siegmund Heine (1901–1960) zu organisieren.
Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 flüchtete Walter Baum sofort in die Schweiz, während Lilly E. Schorr in Paris den Haushalt auflöste. Danach flüchtete sie ebenfalls Richtung Schweiz. Pierre Ramus brachte sie noch zum Bahnhof: Es war das letzte Mal, dass sie ihren Vater sah. Im französischen Grenzort Saint-Gingolph (Haute-Savoie) musste sie sechs Wochen auf ein Einreisevisum warten. Lilly und Walter Baum ließen sich in Bern / Berne / Berna (Kanton Bern, Schweiz) nieder, hatten aber nur eine begrenzte Aufenthaltsbewilligung.
Nachdem Lilly E. Schorr und ihr Ehemann Walter Baum ein Visum für Chile erhalten und eine Karte für ein Schiff erworben hatten, begaben sie sich im Mai 1940 nach Meran ‹Merano› (Italien), wo sich Walter Baum an einer nicht identifizierten Krankheit infizierte. Lilly E. Schorr und ihr schwer kranker Ehemann begaben sich nach Rom ‹Roma› (Italien), wo Walter Baum am 24. April 1941 starb. Lilly überlebte die folgenden Jahre auf einem Dachboden des bekannten Luftfahrtingenieurs und Unternehmers Giovanni Battista Caproni, seit 1940 Conte di Taliedo (1886–1957), versteckt, bis zur Befreiung Roms am 5. Juni 1944. Seit September 1943 gab sie hier den ebenfalls versteckten Kindern des italienischen Generals jüdischer Herkunft Umberto Pugliese (1880–1961) Deutschunterricht. Bereits am 25. Juni 1944 heiratete sie in Rom den 1938 aus Wien geflüchteten, über Ungarn und Jugoslawien 1939 nach Italien gelangten katholischen Firmenvertreter Felix Schorr (1895–1971). Sie unterrichtete nunmehr an der von der United States Army gegründeten American Overseas School of Rome.
Im Dezember 1946 schiffte sich das Ehepaar Lilly und Felix Schorr in die USA ein, wo es am 9. Jänner 1947 in New York City (New York, USA) eintraf und sich danach in Chicago (Illinois, USA) niederließ. Da die beiden nur über eine beschränkte Aufenthaltsgenehmigung verfügten, mussten sie am 24. Februar 1948 in die Dominikanische Republik ausreisen. Von dort ging es nach drei Monaten weiter nach Kuba, um danach über Ecuador am 19. August 1948 erneut in die USA einzureisen. Nach Erhalt der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft am 13. November 1959 unterrichtete Lilly E. Schorr zeitweise an der University of California in Los Angeles (California, USA) und arbeitete zuletzt als freie Übersetzerin. Durchaus aktiver als ihre Schwester Erna E. Hines bekannte sich Lilly E. Schorr bis zu ihrem Tod zu anarchistischen Ideen und bekundete ein besonderes Interesse am Werk ihres Vaters. Wenige Monate vor ihrem Tod wurde am 5. Dezember 1999 im schweizerischen Sion / Sitten (Kanton Wallis, Schweiz) das »Institut Lilly E. Schorr pour l’éducation non-violente / Lilly E. Schorr Institut für gewaltlose Erziehung« gegründet.
Ihre Schwester »Erna« Erwina Friedmann, legitimierte Großmann (1910–1993), war nur in ihrer Jugendzeit beim »Bund herrschaftsloser Sozialisten« aktiv, betonte aber bis zu ihrem Tod Sympathien für anarchistische Bewegungen. Sie heiratete den aus Köln (Preußen [Nordrhein-Westfalen]) nach Wien übersiedelten Möbelhändler und anarchistischen Friedensaktivisten Siegmund Heine (1900–1960), der in den USA den Namen »Henry S(igmund) Hines« annahm. Das Ehepaar flüchtete im August 1938 nach London (England), dann nach Montreal (Québec, Kanada) und im Oktober 1940 in die USA. Erna E(rwine) Hines, seit 30. Jänner 1946 US-amerikanische Staatsbürgerin, heiratete nach dem Tod ihres Mannes Leonard T. Sheldon (1910–1987).
Publikationen
Bücher und Broschüren
Gesellschaftsbild und Gesellschaftskritik im Heptameron der Margarete v. Navarra. Wien 1933, 199 Bl., Maschinschrift. Erschien unter dem Autorennamen »Lilly Großmann«. Dissertation an der Universität Wien. Betrifft Margarete von Navarra (1492–1549).
Mitarbeiter*innen an Periodika
- Erkenntnis und Befreiung (Wien / Wien – Graz / Graz – Wien – Ludwigshafen / Wien – Graz) 1924 bis 1928
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Autor: Reinhard Müller
Version: März 2026
Anarchistische Bibliothek | Archiv | Institut für Anarchismusforschung | Wien
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