Exkurs: Max Adler (1873–1937) und Max Stirner (1806–1856)

Anlässlich des 100. Geburtstags von Max Stirner (1806–1856) veröffentlichte der österreichische Soziologe Max Adler (1873–1937) im Oktober 1906 eine Artikelserie »Max Stirner und der moderne Sozialismus« in der »Arbeiter-Zeitung« (Wien).1 Der exponierte Sozialdemokrat und bedeutende Mitschöpfer des Austromarxismus wollte, nachdem er schon Immanuel Kant (1724–1804) in den Marxismus eingebracht hatte, auch Stirner für diesen einholen. Angesichts der Stirner-Renaissance, die an der Wende zum 20. Jahrhundert einsetzte, scheint dies zunächst wenig bemerkenswert. In den folgenden Jahrzehnten gab es kaum eine politische Strömung, die Stirner nicht als Ahnherrn integrieren wollte, einschließlich der italienischen Faschisten und der Nationalsozialisten. Dennoch ist dieser Versuch aus österreichischer Perspektive außerordentlich, hat doch die österreichische Sozialdemokratie vorher wie nachher versucht, den Anarchismus einfach totzuschweigen. Adler sah in Stirner – neben Ludwig Feuerbach (1804–1872) und Karl Marx (1818–1883) – den dritten großen Denker des 19. Jahrhunderts. »Ja indem sein Name jenen beiden anderen zugesellt wird, ist sogar die Stelle genau bezeichnet, die ihm nach seiner Bedeutung in der Emanzipationsgeschichte des modernen Bewußtseins zukommt und nicht länger mehr vorenthalten bleiben sollte, nämlich mitten inne zwischen ihnen beiden als ein hochbedeutsames Glied in jenem für die Geistesgeschichte epochemachenden Ringen um Selbstverständigung, welches aus der in den Wolken schwebenden Spekulation Hegels über Feuerbach zu Marx und damit zur Erde zurückführte.«2 Während Feuerbachs Ideologiekritik auf die Religion beschränkt blieb, habe Stirner diese auf alle und jede Ideologie ausgedehnt. Stirners Reduzierung des Phänomens Gesellschaft auf eine Zusammensetzung von Einzelmenschen habe ihn zwar Gesellschaft als Ideologie erfassen lassen, doch habe er nicht erkannt, dass diese Ideologie im sozialen Milieu des Menschen auch einen realen Gehalt habe. Diesen realen Gehalt erkannt zu haben, sei danach das große Verdienst von Marx gewesen.

Max Adlers Stirner-Interpretation wurde widersprüchlich beurteilt,3 doch ein anarchistischer Deutungsversuch aus den 1990er-Jahren ist erwähnenswert. »Unzweifelhaft war der Einbezug Stirnerscher Positionen in die sozialdemokratische Strömung auch als Einladung an Radikale und Anarchisten gedacht, sich auf den ›sanften‹ Weg der Partei einzulassen und dort unter veränderten Bedingungen mitzuwirken. Die radikalen Elemente der Arbeiterbewegung waren bereits vor 1900 aus Sozialdemokratie und Internationaler verdrängt worden, trotzdem wirkten diese auf der Bühne des Weltgeschehens noch immer als unangenehmer Hemmschuh für eine Partei, die sich mehr und mehr im Staat zu etablieren suchte. Adler erweist sich also insofern als geschickter Dialektiker, als er einerseits Bestandteile des Stirnerschen Individualismus für die Arbeiterbewegung reklamiert, andererseits aber mit gewaltigen Umbiegungen Stirner seines anarchistischen Beiwerks entkleidet, um ihn letztendlich klein und handlich in den Taschen der ›Partei‹ unterzubringen.«4


Autor: Reinhard Müller
Version: August 2026
Anarchistische Bibliothek | Archiv | Institut für Anarchismusforschung | Wien
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Daten
von
1906
bis
1922
  • 1

    Vgl. Max Adler (1873–1937): Max Stirner und der moderne Sozialismus. (Geboren 25. Oktober 1806, gestorben 36. Juni 1856.), in: Arbeiter-Zeitung. Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie. Morgenblatt (Wien), 18. Jg., Nr. 295 (25. Oktober 1906), S. 1–4, und Nr. 296 (26. Oktober 1906), S. 1–4 . Zur revidierten und wesentlich erweiterten Fassung vgl. Max Adler: Max Stirner, in ders.: Wegweiser. Studien zur Geistesgeschichte des Sozialismus. Von Max Adler. Stuttgart: Verlag von J. H. W. Dietz Nachf. G. m. b. H. 1914 (= Internationale Bibliothek. 56.), S. 173–199; Neuauflagen ebenda 1919, 1920, 1923, 1931 und 1974. Aber auch österreichische Anarchisten veröffentlichten diesen Artikel; vgl. Max Adler: Max Stirner und der moderne Sozialismus. Feuilletons aus der Arbeiter-Zeitung vom Oktober 1906. Wien: Verlag Monte Verita, Inh. Ing. Peter Stipkovics 1992 (= Edition wilde Mischung. Vernünftige Texte in schwarzen Heften. Herausgegeben von Arno Maierbrugger, Adi Rasworschegg, Gerhard Senft, Peter Stipkovics. 2.), 60 S.

  • 2

    Max Adler (1873–1937): Max Stirner und der moderne Sozialismus. (Geboren 25. Oktober 1806, gestorben 36. Juni 1856.), in: Arbeiter-Zeitung. Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie. Morgenblatt (Wien), 18. Jg., Nr. 295 (25. Oktober 1906), S. 1.

  • 3

    Vgl. beispielsweise Hans G Helms (1932–2012): Die Ideologie der anonymen Gesellschaft. Max Stirners ›Einziger‹ und der Fortschritt des demokratischen Selbstbewußtseins vom Vormärz bis zur Bundesrepublik. [/] Hans G Helms. Köln: Verlag M. DuMont Schauberg 1966 (= DuMont-Aktuell.), und Gerhard Senft (geb. 1956): Der Schatten des Einzigen. Die Geschichte des Stirnerschen Individual-Anarchismus. Gerhard Senft. Wien: Verlag Monte Verita, Ing. Peter Stipkovics 1988, 131 S.

  • 4

    Gerhard G. Senft (geb. 1956): Max Adler und Max Stirner. Nachwort, in Max Adler (1873–1937): Max Stirner und der moderne Sozialismus. Feuilletons aus der Arbeiter-Zeitung vom Oktober 1906. Wien: Verlag Monte Verita, Inh. Ing. Peter Stipkovics 1992 (= Edition wilde Mischung. Vernünftige Texte in schwarzen Heften. Herausgegeben von Arno Maierbrugger, Adi Rasworschegg, Gerhard Senft, Peter Stipkovics. 2.),, S. 39–48, hier S. 42. Auch später noch nahm Adler zum Anarchismus Stellung und unterstrich die Gemeinsamkeiten von Anarchismus und seinem eigenen Verständnis von Sozialismus: »Abschaffung des Staates, Aufhebung der Autorität, Beseitigung des Zwanges, Freiheit des Individuums usw.«, in Max Adler: Die Staatsauffassung des Marxismus. Ein Beitrag zur Unterscheidung von soziologischer und juristischer Methode von Max Adler. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 1922 (= Marx-Studien. Blätter zur Theorie und Politik des wissenschaftlichen Sozialismus. Herausgegeben von Dr. Max Adler und Dr. Rudolf Hilferding. Vierter Band. II. Hälfte.), Kapitel »Exkurs über den Anarchismus«, S. 217–261, hier S. 261; erwähnenswert ist noch das Kapitel »Der angebliche Anarchismus im Marxismus«, ebenda, S. 261–281.