Max Nettlau (1865–1944) – der »Herodot der Anarchie«
Wo immer man Max Nettlau (1865–1944)1 in einer Geschichte des Anarchismus in Österreich unterbringen will, es wird der falsche Platz sein. Der gebürtige Österreicher, der zeitlebens deutscher Staatsbürger war, hatte seine anarchistische Heimat vor allem in der Geschichte der anarchistischen Bewegungen. Wollte man ihn geografisch verwurzeln, so wären England oder Spanien, vielleicht auch Italien treffender als jenes Österreich, in welchem er den größten Teil seines Lebens verbrachte. Selbst in den anarchistischen Bewegungen ist er, der immer und überall präsent war, schwerlich zu verorten. Nettlau selbst charakterisierte sich im März 1940 – mit seiner ihm eigenen Bescheidenheit – als »freiheitlicher Sozialist ohne öffentlichen Wirkungskreis, kleinen Kreisen bekannt als Bearbeiter historischen sozialistischen Materials, Sammler derartiger Dokumente und Druckwerke im weitesten Umfang, die im [Internationaal] I[nstituut voor] S[ociale] G[eschiedenis] konserviert sind, und auch als Vertreter mancher von der Routine abweichender Anschauungen, was sich alles aus seiner eigenen Entwicklung erklärt.«2 Tatsächlich hat Nettlau die weltweit größte Sammlung anarchistischer Literatur zusammengetragen und ist wohl auch weltweit jener Anarchist, der nicht nur das umfangreichste gedruckte, sondern auch das umfangreichste ungedruckte Werk hinterlassen hat. Eine wissenschaftlichen Standards entsprechende Bibliografie seiner Druckwerke fehlt; selbst seine weit über hundert selbstständigen Publikationen sind bislang nur unzureichend erfasst. Und in seinem Nachlass liegen unzählige Manuskripte, viele davon druckfertig, viele mehrere hundert Seiten umfassend.3 Als origineller Denker und anarchistischer Theoretiker ist Nettlau leider erst seit den 1980er-Jahren wahrgenommen worden, weshalb diese Seite seiner Persönlichkeit hier weitgehend ausgeblendet bleibt.
Karl Hermann Max Nettlau wurde am 30. April 1865 im Vorort Neuwaldegg (Niederösterreich [zu Wien 17.]) geboren. Er war der Sohn der Hausfrau Agnes Nettlau, geborene Kast (1843–1898), und des fürstlich Schwarzenberg’schen Hofgärtners Hermann Nettlau (1830–1892), der im Jänner 1858 aus Ostpreußen nach Österreich berufen worden war. Max Nettlau hatte einen jüngeren Bruder, Oskar Eugen Ernst Nettlau (1866–1895), der aufgrund einer geistigen Behinderung nie sprechen lernte; er wuchs zunächst im elterlichen Heim auf und lebte ab 1872 bis zu seinem Tod 1895 in verschiedenen Anstalten. Max Nettlau sah im Bruder einen der hauptsächlichen Gründe für seine eigene Verschlossenheit, vor allem aber auch für sein Interesse an Verschollenem. In einem protestantischen, aber sehr liberalen Elternhaus aufgewachsen, stieß bereits der Gymnasiast Nettlau auf »die Weltgeschichte mit ihren Revolutionen, die 1848er Erinnerungen, das oppositionelle Erwachen im damaligen Oesterreich«, und dies geleitete ihn »zu radikal-revolutionären republikanischen, immer foederalistischen, aber von Sozialismus unberührten Gesinnungen. Erst seit dem Sommer 1880 empfand er sich als Sozialist unter dem Eindruck vieler Ereignisse seit 1878, u. a. der Kämpfe der Nihilisten, aber am meisten gefördert durch die den Werken von Heine und Börne entströmenden freiheitlichen und sozialen Anregungen. Von da ab orientierte er sich über alles sozialistische aus sehr spärlich ihm zugänglichen allgemeinen Hilfsmitteln und bildete sich seinen eigenen Sozialismus aus, der antistaatlich und foederalistisch (d. h. so freiheitlich als denkbar), freiheitlich-kommunistisch (freiwillige solidarische Arbeit und Konsum nach Bedarf) und, angesichts des Widerstandes der beati possidentes, revolutionär (individuell und kollektiv) war. Dies fiel, wie er seit 1882 bemerkte, mit dem kommunistischen Anarchismus zusammen«.4 Anfang 1880 fielen ihm erste Nummern der sozialdemokratischen, in Ansätzen bereits radicalen Zeitung »Die Zukunft« (Wien) in die Hände, »deren Verhöhnung des Liberalismus ihn absolut abstiess.«5 Nettlau absolvierte die evangelische Volks- und Bürgerschule und von 1874/75 bis 1881/82 das Gymnasium in Wien 1., wo er im Juli 1882 die Reifeprüfung ablegte. 1882 begann er ein Studium der indoeuropäischen vergleichenden Sprachwissenschaften an der Universität Berlin (Preußen [Berlin]), im Sommersemester 1885 an der Universität Wien und ab 1885 an der Universität Leipzig (Sachsen), unterbrochen von Studienaufenthalten am British Museum in London (England) im Winter 1885/1886 und Herbst 1886 sowie im Sommersemester 1886 von Studien an der Universität Greifswald (Preußen [Mecklenburg-Vorpommern]). Seine Beschäftigung mit den keltischen Sprachen führte ihn also im Oktober 1885 erstmals nach London, wo er seither bis 1913 jedes Jahr im British Museum und 1888 auch in Dublin / Baile Átha Cliath (Großbritannien [Irland]) arbeitete. 1887 promovierte Nettlau mit der Arbeit »Beiträge zur cymrischen grammatik. (einleitung und vocalismus.)«, einem Versuch, die kymrische Grammatik zu rekonstruieren, zum Dr. phil. Damals arbeitete er auch an den philologischen Fachorganen »Y Cymmrodor. The Magazine of the Honourable Society of Cymmrodorion« (London) – er wurde 1887 Ehrenmitglied (Honorary Member) dieser Gesellschaft – und »Revue celtique« (Paris) mit. Aber auch später ging er immer wieder mit philologischen Studien an die Öffentlichkeit.
Während seines ersten Londonen Aufenthalts 1885 wurde Max Nettlau Mitglied der im Dezember 1884 gegründeten »Socialist League« (Sozialistische Liga), der er bis zu ihrer Auflösung Ende 1890 angehörte; es war dies die einzige politische Organisation, der er je beitrat. Hier traf er führende Repräsentanten der Arbeiterbewegung: Warlam Tscherkesow (1846–1925), Victor Dave (1845–1922), Friedrich Leßner (1825–1910), Josef Peukert (1855–1910), Andreas Scheu (1844–1929) und viele andere. Und hier wurde er auch mit der internationalen sozialistischen und anarchistischen Literatur vertraut, welche nun sein historisches Interesse am Anarchismus weckte. In den folgenden Jahren widmete sich Nettlau intensiv seinen historischen Studien in Wien, wo er damals im Haus Rennweg 2 wohnte, und in London. Lediglich kleine »International Notes« veröffentlichte er seit 1888 im Organ der »Socialist League«, in der Zeitung »The Commonweal. The Official Journal of the Socialist League« (London). Erst im Jänner und Februar 1890 erschien seine erste historische Anarchismus-Studie: die Artikelserie »Joseph Déjacque, ein Vorläufer des communistischen Anarchismus« in der Zeitung »Freiheit« (New York).6 Wie auch die meisten anderen Arbeiten der 1890er-Jahre erschien diese Artikelserie anonym; nur einmal benutzte er ein Pseudonym, für eine Studie über Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814–1876) in tschechischer Sprache: J. Nekvasil. Seit 1890 beschäftigte sich Nettlau fast ausschließlich mit der Erforschung und Dokumentation der Geschichte des Anarchismus. 1891 erschien seine erste Studie über Michail Alexandrowitsch Bakunin, an dessen wissenschaftlicher Darstellung er bis zu seinem Tode arbeiten sollte.
Im März 1892 starb Max Nettlaus Vater und hinterließ seinem Sohn ein kleines Vermögen, von dessen Zinsen er leben konnte. Nettlau befand sich nun »in einer bescheidenen unabhängigen Lage, die mir die freie Wahl ließ, meine celtischen Studien weiter fortzusetzen oder historische Forschungen über Sozialismus und Anarchismus und vor allem über das Leben Bakunins zu betreiben. Ich entschied mich für das Letztere, denn die Manuskripte, Dokumente und die Menschen, die Bakunin gekannt hatten, waren in alle Welt zerstreut und verschwanden allmählich.«7 Dies war der Beginn einer in der Geschichte des Anarchismus einzigartigen Historiker-Karriere. Es war zunächst vor allem Michail Alexandrowitsch Bakunin, der sein Interesse erweckte. Von 1896 bis 1900 stellte er fünfzig Exemplare einer 1.281 Seiten umfassenden handschriftlichen Bakunin-Studie in drei Bänden her, die er mittels eines Autokopisten vervielfältigte. Max Nettlau lebte nun bis 1913 abwechselnd in Wien und London. Zwischendurch bereiste er fast ganz Europa auf der Suche nach Dokumenten über Sozialisten und Anarchisten, über sozialistische und anarchistische Bewegungen. Dabei kam dem überaus Sprachbegabten zustatten, dass er bald fast alle europäischen Sprachen beherrschte. Darin liegt auch die Schwierigkeit, sein umfassendes Werk zu analysieren, schrieb er doch in mehreren Sprachen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass er nie eine Studie als beendet betrachtete. Immer neue Versionen erschienen, und jede Version meist in einer anderen Sprache. Nettlau schrieb und publizierte wie ein Besessener und war regelmäßiger Mitarbeiter fast aller wichtigen anarchistischen Zeitungen und Zeitschriften: »Freiheit. Internationales Organ der Anarchisten deutscher Sprache« (New York), »Der Sozialist. Organ für Anarchismus-Sozialismus [bzw.] Anarchistische Monatsschrift« (Berlin), »Freedom. A journal of anarchist communism« (London), »Les Temps Nouveaux« (Paris), »פֿרייע אַרבעטער שטימע / Freie Arbeiter Stimme / Free Voice of Labor« (New York), »Pensiero e Volontà. Rivista quindicinale di studii sociali e coltura generale« (Roma), »La Protesta. Periodico anarquista« (Buenos Aires) und »Suplemento quincenal de La Protesta« (Buenos Aires), »La Revista Blanca. Publicación quincenal de sociología, ciencia y arte« (Barcelona), »Probuzdenie« (Detroit, Michigan; Morgenröte), »Die Internationale. Organ der Internationalen Arbeiter-Assoziation« (Berlin). Dazu kamen unzählige Beiträge in kleineren anarchistischen Organen, aber auch regelmäßige Veröffentlichungen in nicht-anarchistischen, wie dem »Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung« (Leipzig). Insgesamt publizierte er in über fünfzig Periodika.
Zur anarchistischen Bewegung in Österreich unterhielt Max Nettlau keine bemerkenswerten Kontakte. Er kannte zwar einige Repräsentanten persönlich, doch entwickelte er zu keinem eine freundschaftliche Beziehung. Umso mehr beobachtete er die sozialistische Bewegung dieses Landes. »In Wien, seit Ende 1886, interessierten ihn,« schrieb Nettlau über sich, »faute de mieux, die Anfänge der von Dr. V. Adler betriebenen sozialdemokratischen Bewegung und der Gleichheit, die bescheiden sein mussten, weil die an die Sozialrevolutionäre gewöhnten, aber durch die grossen Verfolgungen von 1884, den Ausnahmszustand, hilflos gewordenen Arbeiter ihnen ohne grösseres Vertrauen gegenüberstanden. Er besuchte Versammlungen und es interessierte ihn auch den auf geladene Gäste beschränkten Hainfelder Kongress, Ende 1888 zu sehen, er wünschte aber nicht als Parteifreund zu gelten und die Klugheit des Dr. V. Adler löste diese kleine Frage, indem er als einer der drei Stenographen funktionierte.8 1891 lud ihn der Diskussionsklub ›Veritas‹ junger intellektueller Sozialdemokraten, zum Teil künftiger Parteigrössen, zu seinen Abenden ein und er sprach dort über Anarchismus und hatte eine Reihe der enragiertesten, aber courtoisen Debatten mit den Marxisten. 1892 ersuchte er um, und bekam eine Gastkarte zum Wiener Parteitag. Dr. V. Adler kam seinen Studien entgegen indem er ihm seltene alte oesterreichische Parteizeitschriften lieh, und er las solche auch in der Universitätsbibliothek, 1848er Blätter in der Rathausbibliothek und ältere philosophisch-radikale Revuen in der Hofbibliothek [heute Österreichische Nationalbibliothek; Anmerkung R. M.]. Mit Dr. V. Adler gab es bei gelegentlichen Begegnungen ideelle Zusammenstösse, bei denen jeder dem andern seine Meinung sagte ohne den Humor zu verlieren. Er besuchte auch noch grosse Versammlungen in den Neunzigern, bis die das Wahlrecht und Mandate erlangende Partei dann jeden Reiz für ihn verlor, den sie als Volkspartei in ihren Anfängen noch haben mochte.«9 Warum er zu der damals in Österreich wichtigsten anarchistischen Bewegung, den Unabhängigen Socialisten, Distanz bewahrte, mögen folgende Zeilen Nettlaus erklären: »In diesen Jahren, seit 1891 besonders, als er in Wien alles Material ordnete, und sowohl aus den Vorgängen der Jahre 1889–90, wie aus dem aus der ganzen Geschichte des Sozialismus ersichtlichen der unversöhnbare Gegensatz zwischen den autoritären und den freiheitlichen Konzeptionen hervorging, gelangte N[ettlau] zur Einsicht des ruinösen Charakters dieser Verhältnisse und bemühte sich manche nicht ganz dem Fanatismus oder der Routine verfallene zu dem zu bringen, was er für bessere Einsicht hielt. Er plaidierte […] für Toleranz, mutual toleration, zunächst der libertären Richtungen unter sich.«10 Obwohl er den größten Teil seines Lebens in Wien lebte, hatte er, »aus diesen und jenen Ursachen«, wie er kryptisch meinte, »mit der Wiener anarchistischen Propaganda […] keinen Kontakt gesucht«.11 Nur im Februar 1922, als ihn der US-amerikanische Buchdrucker und Anarchist Harry Kelly (1871–1953) besuchte, begleitete er diesen in eine anarchistische Veranstaltung in Wien. Dass hinter diesem Fernhalten keine Ablehnung des Österreichischen oder gar des Wienerischen stand, bezeugte übrigens Kelly in seinem Bericht über diesen Besuch bei Nettlau; mehrfach betonte er dessen Wien-Verbundenheit; vor allem »die melodische Walzermusik war für ihn so recht eigentlich der intimste Ausdruck des alten Wien. Mit einem Wort: er liebte Wien wie eine Geliebte, und die alten Wege schienen ihm in der Regel die besten zu sein.«12
Das private Leben Nettlaus ist schwer zu beschreiben, hielt er sich doch mit allem Persönlichen äußerst zurück. So verheimlichte er lange seine Beziehung zu Theresia Bognár (1871–1907), die 1901 begann; erst nach ihrem Tode weihte er seine engsten Bekannten ein. Wie tief ihn der Tod der Geliebten getroffen hatte, lässt sich daran erkennen, dass er danach eine Serie von Tagebüchern in Form von Briefen an die Verstorbene begann, welche er bis 1921 fortsetzte. Im April 1914 übersiedelte Nettlau von Neuwaldegg nach Wien 9., wo er ein großes Zimmer bei der verwitweten Häklerin Karoline Herein (um 1875–1925) in der Lazarettgasse 32 bezog.
Einen tiefen Einschnitt im Leben Max Nettlaus bedeutete der Erste Weltkrieg, dessen Beginn ihn in Wien überraschte. Die Situation selbst traf ihn aber »nicht als unorientierten und gleichgültigen Westeuropaeer […]. Er sah auch 1912 in dem Krieg der Balkan-Alliierten keinen ›Kreuzzug‹, wie viele in England […]. Was ›dort unten‹ (am Balkan) geschah, hatte immer Russland hinter sich und der Nationalismus oder nationale Patriotismus ging dort schon damals in den Pogromismus, den Rassenkrieg über. Ein Wink des russischen Gesandten hätte die Morde von Sarajevo, die sorgfältig vorbereitet waren, aufgehalten; dieser Wink wurde nicht gegeben. […] Der Krieg von Oesterreich gegen Serbien wurde deshalb von N[ettlau] nicht als etwas ganz aussergewöhnliches empfunden, nachdem seit dem Krimkrieg beinahe jedes Land in Europa Krieg geführt hatte, und dass daraus ein allgemeiner Krieg und die Zerstörung von Oesterreich-Ungarn folgen musste, erschien ihm nicht als eine gerechte Sache. In diesem Sinn verlebte er diese Jahre und war den Männern dankbar, die ihr Leben preisgaben um zu verhindern, dass die Kosaken nach Wien und Budapest kämen.«13 Diese eindeutig nationale Parteinahme Nettlaus wurde ihm von vielen Anarchistinnen und Anarchisten als Verrat am Internationalismus angekreidet, einem Internationalismus, dem sich die überwiegende Zahl der Anarchistinnen und Anarchisten auch 1914 verpflichtet fühlte.14 Zwar haben sich einzelne Anarchisten auch für die Entente ausgesprochen, doch die Masse bekämpfte den Völkermord aus prinzipiellen Gründen und lehnte daher eine Parteinahme für die eine oder andere Seite grundsätzlich ab. Auch die meisten Anarchistinnen und Anarchisten in Österreich lehnten eine nationale Parteinahme ab. Aber nur vorübergehend hatte Nettlaus bis dahin unbefleckte Reputation in den anarchistischen Bewegungen gelitten. Er blieb in Wien, wo er die Kriegs- und Hungerjahre durchlebte.
Die politische Situation 1918/1919, von vielen in Aufbruchstimmung erlebt, brachte für Max Nettlau wenig Neues, wie er aus der historischen Distanz von 1940 schrieb: »Nun mussten die ›Autoritären‹, deren sogenannte ›Diktatur des Proletariats‹ ja immer nur ihre eigene Diktatur bedeutet, die sie wie Marx noch musste, auf dem Papier, seit 1917 aber mit Kerker und Kugeln ausüben und, wie die russische Entwicklung zeigt, nie als ›provisorisch‹ und Übergangsform betrachten, sondern endlos verschärfen, so dass sie längst mit den fascistischen und nazistischen Diktaturen zusammenfällt und sich ja auch mit denselben verbündet (August 1939).«15 Es war seine eigene ökonomische Situation, die ihm nun zu schaffen machte. Bezog er vor dem Krieg noch jährlich 7.000 Kronen an Zinsen aus seinem ererbten Vermögen, so waren es 1922 nur mehr 4.000. Dazu verminderte der Valutaverfall deren Wert von 800 Dollar vor dem Krieg auf nunmehr sechs Dollar pro Jahr. Damit stand der jetzt Fünfundfünfzigjährige vor dem wirtschaftlichen Ruin. Als seine Zimmerwirtin 1925 starb, bezog er ein anderes Zimmer in derselben Wohnung, um der zurückgebliebenen Tochter, Anna Herein, die Möglichkeit der Weitervermietung und damit des Überlebens zu geben. Dieses kleine Zimmer mit nur einem Fenster war seine Wohnung und Arbeitsstätte bis zu seiner Vertreibung 1938. Die Fotos jener Zeit verdeutlichen die Situation Nettlaus am eindringlichsten: Er war ergraut und ausgemergelt. Und der stets zwar bescheiden, aber korrekt gekleidete Nettlau erschreckte jetzt seine Bekannten und Genossen mit seiner zerschlissenen und herabgekommenen Kleidung.
Hunger und Armut waren aber nicht, wie Max Nettlaus Korrespondenz zeigt, seine größte Sorge. Diese galt seiner seit 1888 zusammengetragenen riesigen Sammlung sozialistischer und anarchistischer Literatur, die teilweise in Paris (Frankreich), London und München (Bayern) deponiert war. Natürlich belastete die Unterbringung seiner Sammlung Nettlau auch ökonomisch. Er, der bislang andere Genossen finanziell unterstützt hatte, war nun selbst auf die Hilfe von Genossen angewiesen. Dies war zwar objektiv nicht schwer, denn Nettlau war längst innerhalb der anarchistischen Bewegungen trotz mancher Kritik an seiner Person zu einer moralischen Institution geworden, doch subjektiv dürfte es eine der tiefsten Demütigungen Nettlaus gewesen sein. Die Depotgebühren wie auch seinen Lebensunterhalt musste er für die nächsten Jahre mit den Spenden der Genossen bestreiten. Erst 1923/1924 fand man eine Lösung: Nettlau, der bislang weder für seine Bücher noch für seine Artikel Honorar erhalten hatte, wurde jetzt – entgegen den damaligen anarchistischen Gepflogenheiten – dafür bezahlt. Nettlau, der nun auch selten das Geld für Reisen aufbringen konnte, zog sich noch mehr zurück und begann mit der Auswertung seiner zusammengetragenen Dokumente. Allerdings reiste er 1928 und 1929 sowie in den Jahren 1931 bis 1935 jährlich für mehrere Monate nach Spanien. Sein Alltag bestand im Wesentlichen aus Lesen, Schreiben, Schreiben und wieder Schreiben: Briefe, Artikel, Bücher. Hervorgehoben seien hier nur seine Biografien über Errico Malatesta (1853–1932) aus dem Jahr 1922 und Élisée Reclus (1830–1905) aus dem Jahr 1928 sowie seine auf sieben Bände konzipierte Geschichte der Anarchie, von der zu seinen Lebzeiten allerdings nur drei – 1925, 1927 und 1931 – erschienen. Rednerhonorare gab es keine, denn öffentliche mündliche Propaganda war Nettlaus Sache nie gewesen. Er hielt auch nur vier öffentliche Vorträge: zwei in London und je einen in Wien 1891 und Berlin (Preußen [Berlin]) 1897. Auch war er nur einmal in ein anarchistisches Gremium gewählt worden: in den Council der Conference of the Socialist League, London, am 20. Mai 1890. Und nur ein einziges Mal nahm er in offizieller Funktion an einem Anarchistentreffen teil: an der International Anarchist Conference (Internationale anarchistische Konferenz), die am 1. und 8. September 1889 in Paris abgehalten wurde, als Delegierter der anarchistischen Gruppe in Norwich (England). An den Vorbereitungen des Internationalen Sozialistischen Arbeiter- und Gewerkschaftskongresses in London, 27. Juli bis 1. August 1896, war Nettlau zwar beteiligt, lehnte aber ein Delegiertenmandat ab. Dennoch war er in den anarchistischen Bewegungen immer wieder anzutreffen: als Beobachter und stiller Zuhörer. In dieser Rolle fand man ihn auch auf vielen internationalen sozialistischen Kongressen und in Österreich als Stenografen auf dem Hainfelder Parteitag zur Jahreswende 1888/1889. Noch präsenter war Nettlau mit seinen materialreichen, deshalb oft schwer zu lesenden Publikationen, Veröffentlichungen, die als Grundlage unzähliger anarchistischer Bücher, Broschüren und Aufsätze anderer dienten. Bezeichnend ist wohl, was der als Gewährsmann nicht immer zuverlässige Literat Emil Szittya (1886–1964) einmal über eine Begegnung mit Nettlau berichtete; selbst wenn es nicht stimmen sollte, so ist sie wenigstens, wie manche Anekdote, gut erfunden: »Als ich einmal Netlau [!] fragte, ob es ihm denn nicht unangenehm sei, daß er ganz unbekannt bleibt, während die Menschen, die von seinem Werke leben, großen Erfolg haben, sagte der stille Gelehrte: ›Meine Arbeit ist den Menschen zu schwer, und es ist gut, daß es Menschen gibt, die die Sprache von vielen zu schreiben verstehen.‹«16
Nettlaus ökonomische Situation verschlechterte sich im März 1933 neuerlich, als ihm der wichtige Publikationsmarkt in Deutschland abhandenkam. Wieder musste er auf die Spendenbereitschaft seiner Genossen zurückgreifen. Erst mit dem Verkauf seiner Sammlung an das Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG), Amsterdam (Niederlande), im Jahr 1935 war seine ökonomische Situation gesichert. Von seinen Sammlungen getrennt, arbeitete er weiterhin intensiv an seinen Studien zu den anarchistischen Bewegungen. Den Februaraufstand 1934 zur Verteidigung der Demokratie erlebte Nettlau in Wien, ohne daran teilzunehmen. Als im Juli 1936 der Spanische Bürgerkrieg begann, weilte er gerade in Barcelona (Spanien). Ende August 1936 nach Wien zurückgekehrt, verbrachte er die Zeit des Austrofaschismus weitgehend unbeanstandet: Lediglich im Dezember 1936 und März 1937 wurde er aufgrund einer anonymen Denunziation zur Polizei zitiert, aber nach einem kurzen Verhör stets wieder freigelassen. In einem Brief vom 14. April 1937 meinte er hoffnungsvoll dazu: »ich kann nur immer sagen, dass ich nun einmal so bin seit 1881, hübsch lange schon, und gewiß nicht durch modernen Agitationen verführt oder so, und daß man mich 56 Jahre in Ruhe ließ und dies auch weitere 56 Jahre so halten werde. Hoffentlich bleibt es dabei.«17 Ein freudiger Höhepunkt in diesen Jahren der Zurückgezogenheit war sicher seine Reise nach Amsterdam 1937, wo er am IISG erstmals seine Sammlungen besichtigen konnte. Nachdem er einige Monate später nach Wien zurückgekehrt war, erkrankte er im August 1937 an einer Verschleimung der Luftröhre schwer und begab sich im September 1937 nach Zürich / Zurich / Zurigo (Kanton Zürich, Schweiz). Hier konnte der Arzt seines Vertrauens, der Anarchist Fritz Brupbacher (1874–1945), nur die Symptome der mittlerweile chronisch gewordenen Krankheit behandeln. Wieder in Wien, begann er im Oktober 1937, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben, brach diese jedoch im September 1938 mit seiner bis zum Jahr 1898 gehenden Vita ab. Im Februar 1938 reiste er in die Schweiz und weiter in die Niederlande. Als im März 1938 Österreich an das Deutsche Reich »angeschlossen« wurde, war er noch voller Hoffnung, nach Wien zurückkehren zu können. Aber er musste in Amsterdam bleiben, wo er bis zu seinem Tod im Exil lebte. Er arbeitete nun im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis an seinen eigenen Papieren, aber auch an der Katalogisierung anderer Nachlässe, umsorgt von der Bibliothekarin Annie Adama van Scheltema (1884–1977). Sie war es auch, die im März 1938 nach Wien flog und Nettlaus persönliche Sachen mit Hilfe der niederländischen Gesandtschaft nach Amsterdam brachte. Und sie war wohl die einzige nähere Kontaktperson, mit der Nettlau jeden Samstag zu essen und zu plaudern pflegte. Bemerkenswert: Die Nationalsozialisten ließen ihn unbehelligt. Aber die Niedergeschlagenheit, die ihn seine letzten Lebensjahre begleitete, zeigt sein eher von Verzweiflung als Optimismus geprägter Brief vom 15. Februar 1939: »Wir sollten einmal vernünftig werden und unsere Grundlagen erweitern. Das zu unterlassen, heißt, die ganze Sache preisgeben. Wenn man jahraus, jahrein nur vegetiert, um ein paar Meetings zu halten, Drucksachen und Zeitungen mit Müh und Not zu produzieren und anzubringen und sonst nachträglich über alles klug zu reden, das ist mit Erbsen aus Kinderflinten schießen, und ob man sich so oder so organisiert und gruppiert, das ist nur Kasernenhofexerzieren und Manöverspaziergänge.«18 Am 20. Juli 1944 wurde Max Nettlau ins Krankenhaus in Amsterdam gebracht, wo er am Abend des 23. Juli 1944 verstarb, vermutlich an Magenkrebs. Geblieben ist sein umfangreiches, wegen seiner Material- und Informationsfülle oft schwierig zu lesendes Werk, vieles davon gedruckt, ebenso vieles nur in seiner schwer leserlichen Handschrift vorhanden. Dessen Schwerpunkte wie thematische Breite erschließen sich am besten in einer Bibliografie seiner Bücher, Aufsätze und Artikel.
Autor: Reinhard Müller
Version: August 2026
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Daten
- 1
Vgl. Rudolf Rocker (1873–1958): Max Nettlau: El Heródoto de la anarquía. Primera edición española, traducido directamente del alemán por Rodolfo Selke. [/] Rudolf Rocker. México, D. F.: Edición Estela 1950, 315 S. Das deutschsprachige Original erschien unter dem Titel: Max Nettlau. Leben und Werk des Historikers vergessener sozialer Bewegungen. Einleitung Rudolf de Jong. [/] Rudolf Rocker. (1.–2. Tausend.) Berlin: Karin Kramer Verlag 1978, 305, [28] S.
- 2
M[ax] Nettlau: Biographische und bibliographische Daten, S. 1–39. 16–18. III. 1940. Ganz private Mitteilung, in: Biographische und bibliographische Daten von Max Nettlau, März 1940, in: International Review of Social History (Amsterdam), 14. Bd., Teil 3 (1969), S. 21–56, hier S. 21. Max Nettlau hatte seine autobiografische Skizze in der dritten Person abgefasst.
- 3
Der Nachlass von Max Nettlau im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam, beträgt 42 Laufmeter.
- 4
M[ax] Nettlau: Biographische und bibliographische Daten, S. 1–39. 16–18. III. 1940. Ganz private Mitteilung, in: Biographische und bibliographische Daten von Max Nettlau, März 1940, in: International Review of Social History (Amsterdam), 14. Bd., Teil 3 (1969), S. 21–56, hier S. 22.
- 5
M[ax] Nettlau: Biographische und bibliographische Daten, S. 1–39. 16–18. III. 1940. Ganz private Mitteilung, in: Biographische und bibliographische Daten von Max Nettlau, März 1940, in: International Review of Social History (Amsterdam), 14. Bd., Teil 3 (1969), S. 21–56, hier S. 22.
- 6
Vgl. ** [d. i. Max Nettlau]: Aus der Geschichte des Anarchismus. I. Joseph Dejacque. Ein Vorläufer des communistischen Anarchismus, in: Freiheit. Internationales Organ der Anarchisten deutscher Sprache (New York), 12. Jg., Nr. 4 (25. Januar 1890), S. [2]; 12. Jg., Nr. 5 (1. Februar 1890), S. [2]; 12. Jg., Nr. 6 (8. Februar 1890), S. [2]; 12. Jg., Nr. 7 (15. Februar 1890), S. [2].
- 7
Max Nettlau: Brief an Joseph Ishill (1888–1966) in Berkeley Hights, New Jersey. Wien, am 13. Juli 1921, zitiert in Rudolf Rocker (1873–1958): Max Nettlau. Leben und Werk des Historikers vergessener sozialer Bewegungen. Einleitung Rudolf de Jong. [/] Rudolf Rocker. Berlin: Karin Kramer Verlag 1978, S. 212–216, hier S. 213.
- 8
Die stenographischen Aufzeichnungen, die Nettlau auf diesem Kongress machte, befinden sich in seinem Nachlass. [Anmerkung von A. Adama van Scheltema-Kleefstra (1884–1977).]
- 9
M[ax] Nettlau: Biographische und bibliographische Daten, S. 1–39. 16–18. III. 1940. Ganz private Mitteilung, in: Biographische und bibliographische Daten von Max Nettlau, März 1940, in: International Review of Social History (Amsterdam), 14. Bd., Teil 3 (1969), S. 21–56, hier S. 30.
- 10
M[ax] Nettlau: Biographische und bibliographische Daten, S. 1–39. 16–18. III. 1940. Ganz private Mitteilung, in: Biographische und bibliographische Daten von Max Nettlau, März 1940, in: International Review of Social History (Amsterdam), 14. Bd., Teil 3 (1969), S. 21–56, hier S. 31.
- 11
M[ax] Nettlau: Biographische und bibliographische Daten, S. 1–39. 16–18. III. 1940. Ganz private Mitteilung, in: Biographische und bibliographische Daten von Max Nettlau, März 1940, in: International Review of Social History (Amsterdam), 14. Bd., Teil 3 (1969), S. 21–56, hier S. 38.
- 12
[Harry Kelly (1871–1953)]: Bericht über seinen Besuch bei Max Nettlau in Wien 1922, zitiert in Rudolf Rocker (1873–1958): Max Nettlau. Leben und Werk des Historikers vergessener sozialer Bewegungen. Einleitung Rudolf de Jong. [/] Rudolf Rocker. Berlin: Karin Kramer Verlag 1978, S. 208–211, hier S. 210.
- 13
M[ax] Nettlau: Biographische und bibliographische Daten, S. 1–39. 16–18. III. 1940. Ganz private Mitteilung, in: Biographische und bibliographische Daten von Max Nettlau, März 1940, in: International Review of Social History (Amsterdam), 14. Bd., Teil 3 (1969), S. 21–56, hier S. 35–36.
- 14
Seine den Internationalismus prinzipiell bejahende, aber ebenso grundsätzlich skeptische Haltung gegenüber der realen Situation in den Arbeiterbewegungen Europas behielt Nettlau auch später bei; vgl. zum Beispiel M[ax] Nettlau: Nationalismus und Internationalismus, in: Die Internationale. Organ der Internationalen Arbeiter-Assoziation (Berlin), 1. Jg., Nr. 2 (Juni 1924), S. 23–27, und ders.: Berichtigung, in: ebenda, 1. Jg., Nr. 3 (September 1924), S. 48.
- 15
M[ax] Nettlau: Biographische und bibliographische Daten, S. 1–39. 16–18. III. 1940. Ganz private Mitteilung, in: Biographische und bibliographische Daten von Max Nettlau, März 1940, in: International Review of Social History (Amsterdam), 14. Bd., Teil 3 (1969), S. 21–56, hier S. 32.
- 16
Emil Szittya (1886–1964): Idealistische Anarchisten, in: Berliner Börsen-Courier (Berlin), 1. Beilage, Nr. 267 (10. Juni 1923), S. 5–6, hier S. 5.
- 17
Max Nettlau: Brief an Rudolf Rocker. Wien, am 14. April 1937, zitiert in Rudolf Rocker (1873–1958): Max Nettlau. Leben und Werk des Historikers vergessener sozialer Bewegungen. Einleitung Rudolf de Jong. [/] Rudolf Rocker. Berlin: Karin Kramer Verlag 1978, S. 291–293, hier S. 292–293.
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Max Nettlau: Brief an Rudolf Rocker. Amsterdam, am 15. Februar 1939, zitiert in Rudolf Rocker (1873–1958): Max Nettlau. Leben und Werk des Historikers vergessener sozialer Bewegungen. Einleitung Rudolf de Jong. [/] Rudolf Rocker. Berlin: Karin Kramer Verlag 1978, S. 297–298, hier S. 298.