Johann Gruber (1874–)

Persönliche Daten
Namensvarianten
das ist Johannes Capistranus Gruber
Pseudonym: Nero
Geburtsdatum
24. Oktober 1874
Geburtsort
Religionsbekenntnis
römisch-katholisch, seit 29. Mai 1896 konfessionslos

Vater: Johann Anton Gruber (Kainach bei Voitsberg, Steiermark 18. April 1846 – Graz, Steiermark 28. Februar 1906), Sohn einer Bäuerin und eines Bauern: Bediensteter bei der Südbahn; Heirat in Graz (Steiermark) am 20. Februar 1871 mit:
Mutter: Anna Maria Gruber, geborene Thormüller, mit 7. März 1859 legitimierte Strachl (Graz, Steiermark 7. Mai 1850 – Graz, Steiermark 20. Mai 1920), Tochter einer Hausfrau und eines Beamten der Südbahn: Hausfrau
Schwester: Wilhelmine Maria Anna (Graz, Steiermark 21. Oktober 1871– ?)
Lebensgefährtin: Maria Muster (Graz, Steiermark 21. Jänner 1876 – ?): Zeitungsadministratorin

Biographie

Johann Gruber, Sohn einer Hausfrau und eines Eisenbahnbediensteten, absolvierte eine Steindruckerlehre. Während seiner Wanderschaft stieß er zur sozialistischen Arbeiterbewegung. Als er Ende Februar 1893 nach Graz (Steiermark) zurückkehrte, schloss er sich dem mit Erlass der Statthalterei Steiermark vom 8. Juli 1893 genehmigten anarchistischen »Arbeiter-Bildungs- und Unterstützungs-Verein« (seit 7. März 1899 »Arbeiter-Bildungs- und Unterstützungs-Verein in Graz«) an, der durch sein Bestehen bis 1934 wesentlich zur Kontinuität der anarchistischen Bewegungen in der Steiermark beitrug. Hier war vor allem eine Gruppe ehemaliger Kampfgefährten von Johann Risman (1864–1936) und August Krčal (1860–1894) aktiv, die sich nun als Unabhängige Socialisten um die Bäckergehilfen Josef Schmied (1870–?), Anton Notzar (1848–1917) und Anton Schantl (1867–1936) sowie um den Fabrikarbeiter Ferdinand Piantschitsch (1862–1932) scharten.

Johann Gruber, der vom April bis Juni 1896 bei Unabhängigen Socialisten in Wien weilte, stieß um 1897 zu diesem Kreis der Grazer Unabhängigen Socialisten. Hier fand er in dem Hilfsarbeiter und nunmehrigen Maurergehilfen Franz Prisching (1864–1919) einen engen Mitkämpfer. Die beiden verstanden sich als junge Anarchisten und nannten sich Freie Socialisten. Sie propagierten ihre Ideen eines neuen Anarchismus und hatten innerhalb der Grazer Unabhängigen Socialisten rasch Erfolg. Dabei hatten beide durchaus unterschiedliche vorstellungen vom Anarchismus. Während Prisching einen libertären Individualismus in den Mittelpunkt seiner Propaganda stellte, propagierte Gruber zwar auch den Individualismus, setzte wirtschaftlich aber auf den kommunistischen Anarchismus. Es war dann Gruber, der vom März bis Juni 1899 in Zürich / Zurich / Zurigo (Kanton Zürich, Schweiz) weilte, um Kontakt zur internationalen anarchistischen Bewegung aufzunehmen, aber auch, um neue Ideen kennenzulernen, und kehrte im Juni 1899 nach Graz zurück. Mit Johann Gruber und Franz Prisching hatten die steirischen Anarchisten zwar wieder schreibende Agitatoren, doch fehlten nach wie vor gute Redner und finanzielle Mittel. So mussten die Grazer Anarchisten in ihrem Schreiben vom 24. Mai 1900 – veröffentlicht in der Zeitung »Neues Leben« (Berlin) vom 14. Juni 1900 – die Teilnahme am Internationalen Anarchisten-Kongress in Paris (Frankreich) absagen – einfach, weil sie die Reisekosten nicht aufbringen konnten. Vor allem aber fehlte eine eigene Zeitung. Mangels eines deutschsprachigen Anarchisten-Organs in Österreich musste man im deutschen Bruderblatt »Neues Leben. Anarchistisch-sozialistische Wochenschrift« (Berlin) publizieren , wobei Gruber meist das Pseudonym »Nero« benutzte.

Auch die Polizei sah nun in Johann Gruber einen wichtigen Anarchisten, doch die bei ihm am 20. Februar 1901 durchgeführte Hausdurchsuchung blieb ohne gerichtliches Nachspiel. Zu dieser Zeit unternahm Gruber ausgedehnte Propagandareisen durch Österreich und suchte auch Kontakt zu den deutschsprachigen Anarchisten Böhmens. Dort verfasste der Hausmeister und Gewerkschaftsfunktionär Johann Douda (1871–1937) aus Turn (Böhmen [Trnovany, Tschechien]) im April 1901 einen Aufruf zur Gründung einer deutschsprachigen anarchistischen Zeitung, veröffentlicht in der Zeitung »Neues Leben« (Berlin).1 Tatsächlich erschien am 8. November 1901 die erste Nummer der vierzehntägig erscheinenden Zeitung »Der Freie Socialist. Parteiloses Organ für geistige und wirthschaftliche Befreiung des Proletariats« (Brüx [Most]). Herausgeber und verantwortlicher Schriftleiter war Johann Pöschl. Da dieser in seinen Funktionen als unfähig erachtet wurde, wurde in einer geheimen Sitzung in Brüx (Böhmen [Most, Tschechien]) am 17. November 1901 beschlossen, die Zeitung nach Graz zu verlegen. Schon im Dezember wurde die Redaktion in Graz eröffnet, wo die Nummern 2 bis 5 (2. Jänner 1902 bis 20. März 1902) erschienen. Herausgeber waren nun der Schmied Johann Pischetz (1871–?) und der Tischlergehilfe Georg Kreiner (1877–1945), verantwortlicher Schriftleiter war Johann Gruber, Administratorin dessen Lebensgefährtin Maria Muster (1876–?). Vorbild dieser Arbeiterzeitung war zweifellos die Zeitung »Neues Leben« (Berlin), aus der auch zahlreiche Artikel übernommen wurden. Nach einer im Februar 1902 bei Johann Gruber durchgeführten Hausdurchsuchung, die zur Beschlagnahme anarchistischer Literatur führte, und nachdem alle Nummern der übrigens immer in Schlan (Böhmen [Slaný, Tschechien]) von Franz Neubert gedruckten Zeitung beschlagnahmt worden waren, beschloss man, das Zeitungsunternehmen angesichts der behördlichen Verfolgung »freiwillig« einzustellen. Stattdessen versuchten die Grazer Anarchisten mit Unterstützung der anarchistischen Zeitschrift »Freiheit« (New York) einen Broschürenfonds zu gründen, doch kamen nicht einmal die Mittel für eine Broschüre zustande.

Wohl um als Herausgeber einem drohenden Presseprozess zu entgehen, reiste Johann Gruber am 1. Oktober 1903 zusammen mit drei anderen Genossen über Genua ‹Genova› (Italien) nach Brasilien ab, um sich in der Siedlung »Colônia Cosmos« in der Município de Joinville (Santa Catarina, Brasilien) anzusiedeln. Seither verliert sich die Spur von Johann Gruber.

  • Graz, Steiermark, Strauchergasse 20 (Geburtsadresse)
  • Graz, Steiermark, Sackstraße 74 (Wohnadresse 1901)
  • Graz, Steiermark, Schmölzergasse 9 (Wohnadresse 1902)
Karte
  • 1

    Vgl. Johann Douda (1871–1937): Achtung! Genossen Oesterreichs!, in: Neues Leben (Berlin), 5. Jg., Nr. 15 (13. April 1901), S. 75–76.