Zum weltanschaulichen Profil von Franz Prischings Monatsschrift »Der g'rode Michl«. 1903–1914
Die folgenden Ausführungen skizzieren das Anarchismusverständnis des Maurergehilfen Franz Prisching (1864–1919), der als lebensreformerischer Anarchist in Österreich eine Pionierrolle innehatte. Da er kein systematischer Denker war, wird hier aus seinem Gesamtwerk ein weltanschauliches Mosaik rekonstruiert. Dieses Mosaik spiegelt zugleich den Charakter der Monatsschrift »Der g’rode Michl« wider, da die Zeitschrift – trotz vereinzelter Beiträge anderer Autoren – im Wesentlichen von Prisching selbst verfasst wurde. Mit den folgenden Zitaten sollen nicht nur seine originalen Vorstellungen, sondern auch seine originelle Sprache vermittelt werden.
Zentral ist sein radikaler Individualismus, der durchaus genuin ist. Zwar gibt es in der Zeitschrift vereinzelt Hinweise auf den anarchistischen Wiederentdecker von Max Stirner (1806–1856) und Vater des individualistischen Anarchismus im deutschen Sprachraum, auf den deutsch-schottischen Schriftsteller John Henry Mackay (1864–1933), doch Stirner selbst wird weder erwähnt, noch finden sich dessen pointierte Formulierungen in der Monatsschrift ›Der g’rode Michl‹ (Graz / Kulming / Raaba / Hart). Dazu kommen Elemente des radikal-pazifistischen, jede Form von Gewalt ablehnenden religiösen Anarchismus in der Tradition des russischen Schriftstellers Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828–1910).
Franz Prischings Individualismus ist Ursache, Weg und Ziel seines Anarchismus. »Die menschliche Gesellschaft besteht doch aus Einzelpersonen. Wie soll daher die Gesellschaft als Ganzes besser werden, wenn nicht der Einzelne anfängt?«1 Von daher lehnte er auch jede Form von verbindlicher Gesellschaftslehre ab, sah Prisching doch nicht in der Gemeinschaft, sondern im Einzelnen den Hebel jeder wahren Weltanschauung. »Also kurz, die Theorie von einer besseren idealen Gesellschaftsform hat nicht den geringsten Wert, wenn eben die Menschen nicht fähig sind, selbst besser und idealer zu werden, um das Ideal zu verwirklichen.«2 Daher stellte er auch seinen »G’roden Michl« unter das Motto: »Nur wer sich selbst beherrschen kann, braucht nicht beherrscht zu werden.« Dahinter steht eine andere wesentliche Grundhaltung Prischings: sein Optimismus. Immer wieder wetterte er gegen die pessimistische Ansicht, dass der Mensch des Menschen ärgster Feind sei: »[…] die Menschheit soll nach pessimistischer Weltauffassung kein Geschlecht von Philosophen, sondern nur gewöhnliche Fabriksware der Natur sein.«3 Stattdessen setzte Prisching auf das Prinzip Liebe, eine Liebe, in welcher sich Selbstliebe und Nächstenliebe vereinen sollten. »Der eigentliche Zweck des Lebens […] ist Egoismus, der sich mit dem Altruismus verschmilzt, das heißt, das wahre Ich findet nur mehr Befriedigung, wenn es alles in Liebe umfaßt. […] Das Ego ist der Urgrund aller Handlungen; desto ausgereifter das Ich, umso größer wird die Solidarität zu den anderen, bis es sich mit dem Universum verschmilzt. Werdet daher wahre große Egoisten und ihr werdet selbst glücklich sein und auch die andern beglücken. Der höchste Genuß ist, anderen wohl Gutes zu tun. Und das Leben will doch jeder genießen, und diesen Genuß kann sich auch der Ärmste verschaffen, nur muß er den Mut haben, die kleinlich kriecherische Selbstsucht, die sich häufig hinter dem Wort Altruismus versteckt, zu besiegen, und auf die Gefahr hin, von den Guten verkannt zu werden, jener großen wahren Selbstsucht zustreben, die alles in sich vereint. Er muß ein Egoist werden, wie es Buddha und Christus waren, deren Egoismus das All umfaßt.«4 Deshalb lehnte er auch jede Beschränkung seiner Bestrebungen durch Parteien oder Kirchen, und erst recht durch die Regierungen der vielen Staaten dieser Erde ab. »Als Internationaler will man nicht nur die eigene Nation glücklich wissen, sondern die ganze Menschheit.«5 »Die ganze Menschheit ist unsere Partei, Menschenliebe unsere Religion, Vernunft und Erkenntnis seien unsere Führer! Unser Kampf ist und muß ein geistiger sein, jede wie immer sich nennende Gewalt wird von uns als den Menschen entwürdigend verworfen. Wir wollen und werden siegen durch die Macht der Idee alles Guten.«6
Dieses Gute sah Franz Prisching in zwei Prinzipien gewährleistet: im schon erwähnten Prinzip Liebe und im Prinzip der Gewaltlosigkeit. »Ein Hauptgrundsatz der anarchistischen Lehre ist die Gleichwertigkeit aller Menschen, also darf man nicht morden. Wenn die Gewaltanarchisten aber sagen, daß andere auch morden, so stellen sie sich selbst nur ein Armutszeugnis aus und beweisen, daß sie nicht besser sind und demzufolge niemals die Menschen befreien können, weil sie sich selbst nicht befreit haben. […] Was die Weltauffassung der Anarchisten, die auf dem gewaltlosen Standpunkt stehen, betrifft, so ist hier nur zu erwähnen, daß sie es für möglich halten, daß die Menschheit in geistiger Beziehung eine so hohe Stufe erreicht so daß dann dieselbe keine Gewalt und Herrschaft mehr nötig haben wird. […] Selbstverständlich ist, daß wenn das Ideal der gewaltlosen Anarchisten verwirklicht werden sollte, nämlich eine gesellschaftliche Ordnung, die ohne Kanonen und Bajonette funktionieren soll, daß ein solcher Zustand geistig hochstehende Menschen zur Voraussetzung hat.«7 »Die Weltgeschichte beweist zur genüge [!], daß sich die Völker schon sehr oft den Kopf blutig gerannt haben, aber hiedurch noch niemals frei wurden, weil es ganz natürlich ist, daß Menschen, die innerlich unfrei sind, keine äußere Freiheit schaffen können.«8 »Befreit Euch von jenen Leuten, die die Freiheit predigen, aber selbst Sklaven vom Scheitel bis zur Zehe sind! Laßt Euch die Freiheit nicht lehren, sondern versucht die Freiheit zu leben!«9 Dabei war Freiheit für Prisching kein großes Mysterium, kein abstraktes Ideal, sondern ein einfach handhabbares Prinzip. »Die Antwort lautet: ›Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu.‹ Dies ist die einzig richtige Argumentation der Freiheit […].«10 Gerade in der Einfachheit seiner Prinzipien sah Prisching das Wertvolle, denn die »Menschen wollen immer etwas Kompliziertes haben, das heißt, auf deutsch gesagt, die Menschen wollen betrogen sein.«11
Ein weiteres Prinzip Franz Prischings war jenes der Tat, des beispielhaften Tuns, wobei er aber jede Opferideologie und jedes Märtyrertum ablehnte. »Der Kampf um Licht und Freiheit wird schon lange geführt und zwar nutzlos, weil man bisher immer für die gute Sache zu opfern glaubte. Wenn die einzelnen einmal, die zusammen doch die Masse bilden, für die gute ›Sache‹ nichts mehr opfern, sondern jeder seine Sache selbst vertritt, dann werden sie frei sein.«12 Von daher verwarf er auch die damals vieldiskutierte soziale Revolution. In Anspielung auf die Französische Revolution von 1789 und ihre Folgen meinte er: »Welche Berge von Leichen würden es sein, wenn alle beieinander liegen würden, die für die Freiheit zu sterben glaubten? Doch ach! Wo ist die Freiheit geblieben? Ja, Brüder, für die Freiheit muß man leben!«13
Ein letztes Prinzip, auf dem Franz Prischings Anarchismus beruht, wae jenes der Solidarität. Darin sah er keinen Widerspruch zu seinem Individualismus, sondern vielmehr eine dem Egoismus eigene Notwendigkeit, die dem Schutze des Individuums diene. In der Anarchie, die er später – etwa seit 1907 – oft auch als »Gottesreich« bezeichnete, zähle, was der Mensch »für seine Mitmenschen tut.« Und er bemühte das Bibelwort: »›Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan, das habt ihr mir getan‹; dies allein hat hier Giltigkeit.«14
Franz Prisching wollte seine Ansichten nicht als Anarchismus verstanden wissen, denn er befürchtete, dadurch vielleicht anderen schon etwas vorzuschreiben, sondern als seine persönlichen Ansichten und Vorstellungen von der Anarchie. »Ich bin […] auch gar nicht in der Lage, bis auf das ›I‹tüpferl jeden [!] Einzelnen zu erklären, was er sich unter Anarchie vorstellen soll«, er könne nur mitteilen,»was ich mir davon für eine Vorstellung mache.«15 Demgemäß seien seine Ansichten zur Besserung des Menschen, zu dessen »Höherentwicklung« und »Veredelung«, wie es in Prischings Terminologie hieß, nur als persönliche Vorschläge zu verstehen.
Bei dieser Besserung des Menschen setzte Franz Prisching vor allem auf die »natürliche Lebensweise«, worunter er neben Naturheilkunde und Abstinenzlertum vor allem den Vegetarismus verstand. Gerade beim Vegetarismus hoffte er auch auf Teile der Arbeiterschaft: »Soweit es mir gelang, Leute vom Werte des Vegetarismus zu überzeugen, so waren es alle Sozialisten radikalster Richtung. Und es ist dies auch ganz natürlich; denn immerwährend werden es die Unzufriedensten sein, die nach etwas Bessern [!] suchen, denn die große Masse begnügt sich mit Versprechungen.«16 Ein weiteres Hilfsmittel sei die Askese. »Destoweniger Bedürfnisse ein Mensch hat, umso größere Freiheit gewinnt er. Wer eben nicht mehr Sklave seiner Leidenschaften ist und den Luxus über Bord wirft, der braucht nicht unter den erbärmlichsten Verhältnissen jede Arbeit für den Kapitalismus leisten. Die Freiheit muß beim Menschen vom Innern herauskommen, und umso eher wird dies jeden [!] möglich, der natürlich lebt. Daher wollen wir immer auf eine natürliche Lebensweise hinweisen, weil auch der Sozialismus nur mit Menschen, die eine natürliche Lebensweise führen, verwirklicht werden kann. Sozialismus ist nur auf Grund einer höheren, idealeren Weltauffassung mit einer neuen Kultur möglich. Der Vegetarismus ebnet uns die Wege für eine neue Kultur.«17
Franz Prisching verwendete hier den Begriff »Sozialismus«, dem er kurzzeitig während der Jahre 1904/1905 anhing, ohne diesen aber jemals näher spezifiziert zu haben. Fast drängt sich der Verdacht auf, dass er darunter bloß eine Bewegung verstand, in der er Gleichgesinnte zu finden hoffte. Die andere Gruppierung, auf die sich seine Hoffnungen richteten, waren die »Reformer«, worunter er die Anhänger der »natürlichen Lebensweise« verstand. Dabei war er sich wohl der tiefen Kluft zwischen diesen beiden Zielgruppen bewusst. »Es ist oder dürfte für jeden Tieferblickenden kein Geheimnis sein, daß einerseits die Sozialisten für Reformen, die ihnen nicht sofort einen materiellen Vorteil gewähren, nur schwer zu haben sind; andererseits aber haben wieder die meisten Reformer vom [!] Sozialismus geradezu eine Höllenangst. Auf diese Art und Weise gehen beide ihre vorgezeichneten Wege und erreichen nichts oder mindestens nicht viel.«18
Franz Prischings Ansichten und Prinzipien legen nahe, dass ihm Feindbilder fremd waren – mit einer Ausnahme: die Sozialdemokratie. Dies mag auch biografische Ursachen haben, hatte er doch über die sozialdemokratische Arbeiterbewegung zum Anarchismus gefunden, und dies in einer Zeit, in der die Sozialdemokratie übermächtig die Arbeiterbewegung dominierte, während die Unabhängigen Socialisten durch staatliche Verfolgung, teils auch durch sozialdemokratische Denunziation, zu einer historischen Fußnote verkommen waren. Die Präsenz und Dominanz der Sozialdemokratie unter jenen Menschen, auf die Prisching zunächst seine Hoffnungen setzte, empörten ihn, aber wohl mehr noch die wiederholten Angriffe auf den »G’roden Michl« in sozialdemokratischen Organen, welche meist auf bloße Hänseleien hinausliefen. Vor diesem Hintergrund müssen seine massiven Angriffe auf die Sozialdemokratie gesehen werden. »Aber ich glaube, daß sie überhaupt nicht fähig ist, die Menschen zu bessern, denn ihr Terrorismus gegen jeden Andersdenkenden beweist zur Genüge, daß sie nicht nach Freiheit, sondern nach Macht, nach neuer Herrschaft strebt.«19 Dabei lastete Prisching der Sozialdemokratie eine besondere Form der Infamie an. »Wie alles in der Welt der Veränderung unterworfen ist, so auch die Form der Tyrannei; wenn es früher üblich war, kein Blut zu vergießen, da man die Ketzer einfach verbrannte, so hat sich im Laufe der Zeit manches geändert. Wozu wäre auch der Fortschritt, wenn es heute noch so sein würde wie in der guten alten Zeit. […] Vom geschäftlichen Standpunkte aus betrachtet ist es auch total verfehlt, seinen Gegner zu verbrennen; denn dadurch hätte sich der andere zwar den mißliebigen Gegner vom Halse geschafft, aber ihn gleichzeitig als sein Werkzeug, das ihm Nutzen bringt, verloren. Nun, da ist die Sozialdemokratie viel klüger, sie ist eben die rechte Tyrannei, die ihr Geschäft vortrefflich versteht. Was liegt ihr daran, wenn die Leute ihr fluchen und die Partei samt allen Führern dorthin wünschen, wo der Pfeffer wächst. Die Hauptsache ist und bleibt doch, daß die Leute weiter ihre Steuern zahlen. Was liegt ihr daran, wenn verschiedene Leute ihre Vergangenheit und ihre famose Entstehung, respektive Gründung kennen? Was liegt ihr daran, daß sie auf verdammt krummen Wegen wandelt, in Österreich immer gewandelt ist. Jene Leute, die ihr gefährlich werden könnten, hat sie sich gekauft. Ja, hat nicht einer ihrer großmauligen Führer erklärt, die Grazer Opposition sei nicht zu fürchten; außer einigen armen Teufeln, die zum Glück kein Geld haben, können diese Leute nichts machen.«20 Zu diesen persönlichen Erfahrungen kamen aber auch klassisch anarchistische Argumente. »Beschränkte Köpfe sagen zwar, daß der Einzelne allein nichts machen kann, daß er sich an andere anschließen müsse; dadurch wollen die guten Leutchen beweisen, daß die Partei notwendig sei. Notwendig allerdings für jene, die allein nicht stehen können, die von der Partei leben müssen, die in ersterbender Knechtseligkeit vor dem Götzen Partei am Bauche rutschen.«21 Und Prisching wandte sich an die Arbeiter: »Es ist verfehlt, wenn ihr eure roten Tyrannen nur theoretisch bekämpft, das heißt, wenn ihr ihnen nicht mehr glaubt, nicht mehr in ihre Versammlungen geht, es euch überhaupt gleichgiltig ist, was sie tun und lassen. Nein, Arbeiter! Ihr müßt mehr tun. Wollt ihr von euren Tyrannen frei werden, dann müßt ihr deren Macht vernichten, das heißt, ihr müßt ihnen die Gelder verweigern, ihr dürft mit euren Geldern nicht Leute hantieren lassen, denen die Arbeiterbewegung von jeher nur ein gutes Geschäft war; ihr müßt selbst Mann genug sein, um dieselben verwalten zu können. Laßt euch in Zukunft von den roten Tyrannen nicht mehr als Kinder oder wie eine Schafherde behandeln; zeigt ihnen, daß ihr selbständig denken und handeln könnt!«22 Und er rief seinen Freunden als Losung zu: »Keine Pfaffen, aber auch keine roten Tyrannenknechte, sondern freie Menschen wollen wir werden!«23
Doch die Organisationsform der Sozialdemokratie als Partei war nicht das Einzige, was Franz Prisching empörte. Da war vor allem auch ihre Klassenkampfideologie. »Uns ist aber klar geworden, daß es in allen Gesellschaftsklassen gute und schlechte Menschen gibt […]; wir haben uns vom Haß, also auch vom Klassen-, Standes-, Nationalitäten-, Partei-, konfessionellen und allem übrigen Haß freigemacht.«24 Dazu kam die Idee der parlamentarischen Demokratie, die Prisching aus prinzipiellen Gründen ablehnte. »Wer ist das gesetzgebende Volk? Sind es die Wähler? Sind es jene namenlosen Millionen, die den Staat und die Gesellschaft erhalten? Sind es all jene, welche das Feld bebauen, die die Schätze aus dem Innersten der Erde hervorholen? Sind es jene, welche Gut und Blut fürs Vaterland opfern? Keine Spur! Es sind einige Wenige, die sich einbilden, sie könnten die Interessen von so und sovielen Millionen vertreten, es mag unter diesen auch einige geben, welche von der fixen Idee besessen sind, daß sie vom Schicksal ausersehen seien, durch halten [!] von schönen Reden die soziale Frage zu lösen, durch ihre Fähigkeiten die allgemeine Völkerfreiheit zu begründen, kurz, daß sie Menschen höherer Art wären, so daß ohne ihnen [!] Staat und Gesellschaft jämmerlich zu Grunde gehen müßten.«25 Und natürlich wurde in altbewährter anarchistischer Manier auch mit dem Berufsstand der Politiker abgerechnet. »Sie glauben, nachdem der Staat einmal da ist, müsse er auch ewig dableiben, deshalb arbeiten die guten Leutchen auch emsig daran den Staat immer zu verbessern, aber all den Staatsrettern, gleichviel sie roter oder schwarzer Couleur sind, fällt es nicht im Schlafe ein, sich selbst und die Menschen zu bessern, sondern sie glauben, die Menschen könnten bleiben wie sie sind, wenn nur der Staat besser würde.«26 Dem setzte Prisching entgegen: »Wenn ich mich aber selbst beherrsche, regiere, und jeder andere es auch so macht, dann gibt es überhaupt keine Regiererei im heutigen Sinne, nämlich abgeordnete Volksvertreter oder etwas ähnliches. Dann ist eben jeder ein Einser, dann gibt es keine Nullen mehr, denn vertreten oder regieren kann man doch nur solche, die das selbst nicht fertig bringen, sobald sich aber jeder einzelne selbst regiert und beherrscht, so ist er für sich ein Autokrat, nämlich Auto-Selbst und Kratie-Herrschaft. Da ich aber nur mich und keinen andern beherrsche, und wenn es ein anderer versuchen würde mich beherrschen zu wollen, so könnte er es nicht, weil ich mich eben selbst beherrschen kann; also bin ich ein Feind jeder fremden Herrschaft, weil solche nur mittels Gewalt möglich wäre; also bin ich ›gegen die Herrschaft‹, was das griechische Wort Anarchie bedeutet, also bin ich Anarchist. Jedoch ist mir gleich ob ihr mich einen Autokraten oder Anarchisten nennt, denn wie ihr gesehen habt, bin ich beides, aber kein Demokrat.«27
Doch Franz Prisching grenzte sich auch von anderen anarchistischen Strömungen ab. Vor allem der Anarchosyndikalismus war es, der im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts – besonders in Frankreich – den Anarchismus wieder zu einer allseits wahrgenommenen Bewegung machte. Prisching lehnte dessen Weg zur Anarchie, den Generalstreik, strikt ab: »Eine andere Frage ist aber, ob nach einem erfolgreichen Generalstreik die Menschen menschlicher werden? Ich bezweifle es und scheue mich auch nicht im geringsten es zu bekennen, daß ich ebensogut Anarchist bin als die, welche für den Generalstreik Propaganda machen. Der Unterschied ist nur der, daß die Leute glauben, mit einer Änderung der Gesellschaftsordnung würden sich auch die Menschen ändern.«28 Und ebenso deutlich lehnte er den in Österreich damals wieder erstarkenden kommunistischen Anarchismus ab. »Da ich der Meinung bin, daß ein kommunistisches Unternehmen, soferne es bestandfähig bleiben soll, immer autoritär ist und sein muß, so konnte ich mich nie entschließen, an einem solchen mich zu beteiligen. […] Es liegt eben im Wesen des Kommunismus, daß er autoritär ist, ob er dann Staatskommunismus, Kloster- oder anarchistischer Kommunismus heißt, es ist überall eine Autorität vorhanden, entweder durch eine oder mehrere Personen, durch eine Leitung oder durch eine beschließende Versammlung. Was ist denn eine beschließende Versammlung anderes als eine Autorität. Entweder die Majorität beschließt und die Minorität muß das tun, was beschlossen wurde, oder sie tut es nicht und in diesem Falle geht dann auch der Kommunismus flöten.«29
Sympathie bekundete Franz Prisching – seit etwa 1908 – neben der Anarchie nur mehr für ein »reines Christentum«, das heißt, für gelebte Nächstenliebe, Gewaltlosigkeit und Feindesliebe, dies freilich Eigenschaften, die – wie zweitausend Jahre Christentum zeigten – den christlichen Kirchen nicht eigen seien.30 Sein großes Vorbild der letzten Jahre war Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828–1910) und dessen radikal gewaltfreier, christlicher Anarchismus. »Tolstoi war einer jener wenigen Menschen, welche die Einheit, das wahre Leben erkannt hatten, wenn sein Körper auch gleich allen übrigen vermodert, sein Geist wird leben gleich allen übrigen Meistern. Für den Geist gibt es keine Schranken, wie Vaterland, Rasse, Nation oder Konfession, sondern der Geist eint, was die Materie entzweit. Wohl wäre es wünschenswert erschienen, wenn Tolstoi in Körperform noch länger unter uns geweilt. Aber gönnen wir ihm ein höheres, schöneres Leben, er hat ehrlich und aufrichtig gelitten und gestritten und wenn wir fortan nur das Gute wollen, so sind wir mit Christus wie mit Tolstoi im Geiste schon hier vereint.«31 Vor diesem Hintergrund ist auch seine kurzfristige Sympathie für die »Neu-Jesu-Bewegung« in den Jahren 1913 und 1914 zu sehen.
Vieles hat Franz Prisching in seinem »G’roden Michl« ausführlich behandelt: Vegetarismus und Abstinenzlertum, Tierschutz und Esperanto, den König Mammon als Weltbeherrscher,32 die Siedlungsbewegung,33 das Tat-Christentum34 in deutlicher Abgrenzung von diversen christlichen Kirchen,35 Kinderschutz36 und freie Ehe.37
In diesem kurzen Aufriss ging es vor allem darum, das Originelle Prischings in Idessen Vorstellungen und dessen Sprache offen zu legen, das Eigene, das er selbst wie folgt auf den Punkt brachte: »Ich lasse mich von niemanden [!] zwingen, ein Tolstoi- oder sonstiger ›aner‹ zu werden, sondern man kann auch ein ›Selberaner‹ sein.«38
Autor: Reinhard Müller
Version: Juli 2026
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Daten
- 1
F. P. [d. i. Franz] Prisching]: Unsere nächste Aufgabe!, in: ›Der g’rode Michl‹ (Graz), 1. Jg., Nr. 1 (September 1903), S. 2–3, hier S. 2.
- 2
[Franz Prisching]: Barbarismus oder Menschentum?, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 1. Jg., Nr. 4 (Dezember 1903), S. 4–5, hier S. 5.
- 3
[Franz Prisching]: Erläuterungen zu unserem Motto, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 1. Jg., Nr. 4 (Dezember 1903), S. 1–3, hier S. 1.
- 4
[Franz Prisching]: Der Zweck des Lebens, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 1. Jg., Nr. 2 (Oktober 1903), S. 5–6, hier S. 6.
- 5
Franz Prisching: In eigener Sache, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 1. Jg., Nr. 2 (Oktober 1903), S. 4–5, hier S. 4.
- 6
[Franz Prisching]: An die Besitzenden und Besitzlosen!, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 1. Jg., Nr. 4 (Dezember 1903), S. 3–4, hier S. 4.
- 7
Herausgeber [d. i. Franz Prisching]: Anarchismus und Ordnung!, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 2. Jg., Nr. 10 (Oktober 1904), S. 81–83, hier S. 82.
- 8
Franz Prisching: Erläuterungen zu unserem Motto, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 1. Jg., Nr. 4 (Dezember 1903), S. 1–3, hier S. 3.
- 9
[Franz Prisching]: Praktischer Nutzen der natürlichen Lebensweise, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 2. Jg., Nr. 4 (April 1904), S. 34–35, hier S. 35.
- 10
[Franz Prisching]: Was ist Freiheit?, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 2. Jg., Nr. 11 (November 1904), S. 90–91, hier S. 91.
- 11
[Franz Prisching]: Sinnlich und übersinnlich, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 3. Jg., Nr. 9 (September 1905), S. 70–71, hier S. 71.
- 12
[Franz Prisching]: Der Kampf um Licht und Freiheit! (Zu unserem Bilde.), in: »Der g’rode Michl« (Graz), 2. Jg., Nr. 2 (Februar 1904), S. 10–11, hier S. 11.
- 13
F. P. [d. i. Franz Prisching]: Die soziale Revolution, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 3. Jg., Nr. 12 (Dezember 1905), S. 97–99, hier S. 98.
- 14
F. P. [d. i. Franz Prisching]: Das Reich Gottes, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 5. Jg., Nr. 5 (Mai 1907), S. 33–35, hier S. 35.
- 15
F. P. [d. i. Franz Prisching]: Zur Philosophie des Anarchismus!, in: Der gerade Michel (Kulming), 8. Jg., Nr. 11 (November 1910), S. 71–72, hier S. 72.
- 16
[Franz Prisching]: Was ist schuld, dass die natürliche Lebensweise so langsame Fortschritte macht?, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 2. Jg., Nr. 2 (Februar 1904), S. 11–13, hier S. 13.
- 17
[Franz Prisching]: Freiheitlicher Sozialismus und Reformbestrebungen, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 2. Jg., Nr. 2 (Februar 1904), S. 14–16, hier S. 16.
- 18
[Franz Prisching]: Freiheitlicher Sozialismus und Reformbestrebungen, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 2. Jg., Nr. 2 (Februar 1904), S. 14–16, hier S. 14.
- 19
[Franz Prisching]: Der Bannfluch über den »g’roden Michl« verhängt!, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 2. Jg., Nr. 3 (März 1904), S. 26–28, hier S. 28.
- 20
[Franz Prisching]: Sozialdemokratie und Tyrannei, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 3. Jg., Nr. 9 (September 1905), S. 71–73, hier S. 72.
- 21
[Franz Prisching]: Bürgerliche und Arbeiterpresse!, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 2. Jg., Nr. 5 (Mai 1904), S. 37–38.
- 22
[Franz Prisching]: Sozialdemokratie und Tyrannei, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 3. Jg., Nr. 9 (September 1905), S. 71–73, hier S. 72–73.
- 23
[Franz Prisching]: Sozialdemokratie und Tyrannei, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 3. Jg., Nr. 9 (September 1905), S. 71–73, hier S. 73.
- 24
[Franz Prisching]: Der Weg zum Sozialismus, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 2. Jg., Nr. 12 (Dezember 1904), S. 99–101, hier S. 100.
- 25
[Franz Prisching]: Parlamentarismus und Freiheit. (Ein Beitrag zum Wahlrechtsrummel.), in: »Der g’rode Michl« (Graz), 4. Jg., Nr. 1 (Jänner 1906), S. 1.
- 26
F. P. [d. i. Franz Prisching]: Parlamentarismus und Freiheit. (Ein Beitrag zum Wahlrechtsrummel.) (Fortsetzung und Schluß.), in: »Der g’rode Michl« (Graz), 4. Jg., Nr. 2 (Februar 1906), S. 9–10, hier S. 9.
- 27
F. P. [d. i. Franz Prisching]: Parlamentarismus und Freiheit. (Ein Beitrag zum Wahlrechtsrummel.) (Fortsetzung und Schluß.), in: »Der g’rode Michl« (Graz), 4. Jg., Nr. 2 (Februar 1906), S. 9–10, hier S. 10.
- 28
[Franz Prisching]: »Generalstreik«. Kampforgan des Proletariats, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 3. Jg., Nr. 1 (Jänner 1905), S. 6–7, hier S. 7.
- 29
Franz Prisching: Kommunismus oder Individualismus?, in: Der gerade Michel (Kulming), 9. Jg., Nr. 3 (März 1911), S. 18–19, hier S. 19.
- 30
Vgl. F. P. [d. i. Franz Prisching]: Meine Stellung zum reinen Christentum, in: Der gerade Michel (Graz), 7. Jg., Nr. 1 (Jänner 1909), S. 3–4.
- 31
F. P. [d. i. Franz Prisching]: Verschwendete Kräfte. (Dem Bruder Tolstoi gewidmet.), in: Der gerade Michel (Kulming), 9. Jg., Nr. 1 (Jänner 1911), S. 1–2, hier S. 2.
- 32
Vgl. [Franz Prisching]: König Mammon, der Weltbeherrscher, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 3. Jg., Nr. 6 (Juni 1905), S. 49–51.
- 33
Auf folgende Siedlungen wird im »G’roden Michl« näher eingegangen: Deutschland: Siedelungsverein Natur (Mainz): 5. Jg., Nr. 7–8, S. 80, 5. Jg., Nr. 9, S. 87; Freie Siedelungs-Gesellschaft F. S. G. (Mainz; Johann Schmidt): 5. Jg., Nr. 10, S. 97. Griechenland: Fotodotera (Hellas; H. Grubert): 6. Jg., Nr. 7, S. 44–46, 6. Jg., Nr. 3, S. 19–20. Großbritannien: Whiteway Colony (Stroud, Gloucestershire): 4. Jg., Nr. 3, S. 20–21, 4. Jg., Nr. 5, S. 38, 4. Jg., Nr. 6, S. 50. USA: Bruderhand (San Francisco, California): 8. Jg., Nr. 6, S. 44. Argentinien: Freikommunistische Colonie (Paraná, Entre Ríos / London; Ernst Gerhard): 7. Jg., Nr. 5, S. 37, 7. Jg., Nr. 6, S. 44. Brasilien: Kolonie Affonso Penna (Curitiba, Paraná): 8. Jg., Nr. 1, S. 5–6; Kolonie Heliopolis (Curitiba, Paraná; Bernhard Reiner): 8. Jg., Nr. 6, S. 44; Vegetarische Kulturgemeinde (Curitiba, Paraná): 8. Jg., Nr. 6, S. 43 und 45; Colonie Calmon (Ponta Grossa, Paraná; Johann Gartlgruber): 6. Jg., Nr. 9–10, S. 56, 7. Jg., Nr. 5, S. 37; Colonia Burgo Sociocrático Ba-se (São Manoel, Rio Grande do Norte; Magnus Söhndal): 8. Jg., Nr. 6, S. 44; Heliopolis beziehungsweise Zukunft (Teresina, Piauí): 8. Jg., Nr. 6, S. 43–45. Paraguay: Kommunistische Kolonie Asgardt (Villa Encarnación; Hermann Rost): 8. Jg., Nr. 2, S. 16.
- 34
Vgl. zum Beispiel F. P. [d. i. Franz Prisching]: Glaubensbekenntnis, in: Der gerade Michel (Raaba), 9. Jg., Nr. 11 (November 1911), S. 61–63.
- 35
Vgl. zum Beispiel [Franz Prisching]: Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, und warum keine? – Aus Religion. (Schiller.), in: Der gerade Michel (Kulming), 9. Jg., Nr. 1 (Jänner 1913), S. 5–6.
- 36
Vgl. zum Beispiel Franz Prisching: Kinderschutz, in: Der gerade Michel (Raaba), 9. Jg., Nr. 8 (August 1911), S. 47–50.
- 37
Vgl. zum Beispiel Franz Prisching: Freie Ehe, in: Der gerade Michel (Hart), 9. Jg., Nr. 8 (August 1911), S. 50–51.
- 38
F. P. [d. i. Franz Prisching]: An die Adresse des Reformblattes, in: »Der g’rode Michl« (Graz), 5. Jg., Nr. 10 (Oktober 1907), S. 95–96, hier S. 96.