Der Pionier Ernst Viktor Zenker (1865–1946)

Zu den Pionieren der Anarchismusforschung im deutschen Sprachraum zählt Ernst Viktor Zenker (1865–1946). Der in Böhmen Geborene kam 1886 nach Wien, um hier an der Universität Philosophie, Germanistik und Sprachen zu studieren. 1889 musste er sein Studium aus finanziellen Gründen abbrechen und arbeitete seither als freier Schriftsteller. Der exponierte Liberale war zunächst von 1889 bis 1890 Lokalredakteur, dann Kunstkritiker bei der »Oesterreichischen Volks-Zeitung« (Wien). 1891 wurde er Zentralsekretär des »Vereins zur Abwehr des Antisemitismus« und gab vom April 1892 bis zu deren Einstellung im Juni 1896 dessen Zeitung »Freies Blatt. Organ zur Abwehr des Antisemitismus« (Wien) heraus. Zudem wurde er 1893 Mitglied der Wiener Freimaurerloge »Humanitas«. In den Jahren von 1892 bis 1894 beschäftigte er sich intensiv mit dem Anarchismus, mit dessen Geschichte, vor allem aber mit dessen Theorien. Schließlich erschien im Herbst 1895 sein Buch »Der Anarchismus. Kritische Geschichte der anarchistischen Theorie«.1 

»Ein junger, in der literarischen Welt bereits bekannter Oesterreicher«, schrieb der damalige Privatdozent und spätere Ordinarius für Agrarpolitik Hermann von Schullern zu Schrattenhofen (1861–1931), »hat sich mit diesem Buche ein Ziel gesteckt, das zu den schwierigsten gehört, die es geben kann. Das Wesen des Anarchismus darzustellen, ihn von andern socialpolitischen Richtungen abzugrenzen, seine Entstehung und seine Ziele zu erklären, war die erste Aufgabe; die Frage zu erörtern, welchen Platz der Anarchismus in der Wissenschaft einnehme und wohl auch ob ihm überhaupt ein solcher gebüre [!], die zweite; zu erörtern, wie er sich zur Politik im engeren Sinne stelle, die dritte.«2 Die von Zenker in seinem Buch »Der Anarchismus« 1895 getroffene Systematisierung der Theorien des Anarchismus wurde wegweisend für die spätere deutschsprachige, zum Teil auch für die internationale Anarchismusforschung. Aufgrund dieser Studie wurde ihm nach eigenen Angaben von akademischer Seite aus Deutschland das Angebot gemacht, den Doktortitel verliehen zu bekommen, was Zenker jedoch abgelehnt habe.3 Anlass für das Buch war ein Vortrag über Anarchismus, den er am Tag des Bombenattentats von Auguste Vaillant (1861–1894) auf die französische Deputiertenkammer, am 9. Dezember 1893, gehalten hatte und mit dem er viel Verwunderung erregt habe.4 Als er sich entschloss, diesen Vortrag zu einem Buch auszubauen, konnte er kaum auf brauchbare Studien zurückgreifen;5 »[…] ich hatte«, erinnerte sich Zenker in seinen Memoiren, »schon früher eingehende Studien über die Theorie des Anarchismus getrieben. Es war die Zeit des Tatanarchismus und der alle Welt aufrührenden Attentate Ravachols, Vaillants u. a. Man war damals geneigt, im Anarchismus nichts als ein System des Terrors und sinnloser Greueltaten zu sehen. Eine auch nur halbwegs belehrende Arbeit über die philosophischen Ansichten, welche dieser Bewegung zugrunde lagen, gab es nicht, und was man in den Zeitungen darüber lesen konnte, war ebenso albern als widersprechend.«6 Umso mehr verwundert aus heutiger Sicht Zenkers überaus detailreiche Kenntnis der anarchistischen Bewegungen und seine umfassende Belesenheit in anarchistischer Literatur. Dies ist bemerkenswert, »denn schon die Anschaffung der Schriften der wichtigeren Autoren des Anarchismus war gar nicht so leicht; die älteren Schriften waren zum größten Teil im Buchhandel vergriffen, in den großen Büchereien seinerzeit nicht gesammelt worden, die sehr reichhaltige Flugschriften- und Propagandaliteratur entweder nie im Buchhandel erschienen oder gleich nach Erscheinen konfisziert worden. Ich wendete mich«, erinnerte sich Zenker, »vertrauensvoll an den berühmten Geographen Elisée Reclus in Brüssel, an den ›Johannes unter den Anarchisten‹, wie man ihn genannt hatte, und erhielt durch ihn über Pariser Gruppen mehrere Pakete von anarchistischen Schriften, die sonst jedermann unzugänglich und daher für mich äußerst wertvoll waren. Außerdem durchstöberte ich alle Antiquariate, zu welchen ich gelangen konnte, und brachte das ganze Material so gründlich zusammen, wie es bis heute keine der großen Bibliotheken besitzt. Man hat mich wiederholt gebeten, meine Sammlung solchen Bibliotheken käuflich zu überlassen, ich habe sie aber noch heute in meiner eigenen Bücherei aufbewahrt.«7 Nach etwas mehr als einjähriger Arbeit erschien im Herbst 1895 das Buch, und das Werk, »welches die erste wissenschaftliche Bearbeitung dieses Gegenstandes war, hat in wissenschaftlichen und gelehrten Kreisen Deutschlands und des Auslandes gute Aufnahme gefunden und wurde auch ins Englische übersetzt. Daneben fehlte es freilich auch an hämischen und verleumderischen Urteilen nicht. Die Marxisten – gegen welche ich schon damals Stellung nahm – warfen mir vor, ich spiele im Auftrage des Großkapitals die Anarchisten gegen die Sozialdemokratie aus, während die Anarchisten wiederum das Buch als Publikation eines Journalisten à la solde de la police et d’une foule d’ignorants erledigten.«8

Trotz des Erfolges dieses Buches, das ins Englische und Russische übersetzt und seit 1979 auch von anarchistischen Verlagen nachgedruckt wurde,9 widmete sich Ernst Viktor Zenker, der fast vierzig Bücher und Broschüren veröffentlichte, später kaum mehr dem Thema Anarchismus.10 Allerdings erlaubte er sich 1919 einen kurzen Ausflug in die österreichische anarchistische Bewegung: Wohl unter dem Einfluss seiner damaligen Lebensgefährtin, der Wiener Anarchistin und Pazifistin Olga Misař (1876–1950),11 wurde er Mitglied und Obmann der dem »Bund herrschaftsloser Sozialisten« nahestehenden anarchistischen »Herrschaftslos-sozialistischen Vereinigung geistiger Arbeiter ›Freiheit‹«, der unter anderem die Schriftsteller Rudolf Großmann alias Pierre Ramus (1882–1942), Kurt Sonnenfeld (1893–1938) und Robert Bodanzky alias Danton (1879–1923) angehörten.12 Die im Zuge der revolutionären Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg entstandene anarchistische Vereinigung zerfiel noch 1919, und damit fand Ernst Viktor Zenkers kurzer Ausflug in die anarchistische Bewegung sein Ende. Bereits im Dezember 1919 kehrte er in die Tschechoslowakei zurück, wo er in einen ausgeprägten deutschnationalen Nationalismus abdriftete.

 

Autor: Reinhard Müller
Version: August 2026
Anarchistische Bibliothek | Archiv | Institut für Anarchismusforschung | Wien
Copyleft

 

Daten
von
1892
bis
1895
  • 1

    Vgl. E[rnst] V[iktor] Zenker (1865–1946): Der Anarchismus. Kritische Geschichte der anarchistischen Theorie. Von E. V. Zenker. Jena: Verlag von Gustav Fischer 1895, XIII, 258 S.

  • 2

    Schullern [d. i. Hermann von Schullern zu Schrattenhofen (1861–1931)]: E. V. Zenker: Der Anarchismus: Kritik und Geschichte der anarchistischen Theorie. Jena, Fischer 1895. IX. und 258 S., in: Zeitschrift für Volkswirtschaft, Socialpolitik und Verwaltung. Organ der Gesellschaft österreichischer Volkswirte (Prag – Wien – Leipzig), 5. Bd. (1896), S. 352–353, hier S. 352.

  • 3

    Vgl. E[rnst] V[iktor] Zenker (1865–1946): Ein Mann im sterbenden Österreich. Erinnerungen aus meinem Leben. (Bildnis des Verfassers aus dem Jahre 1919 nach einer Radierung von Emma Löwenstamm.) Reichenberg: Sudetendeutscher Verlag Franz Kraus 1935, S. 82.

  • 4

    Vgl. E[rnst] V[iktor] Zenker (1865–1946): Der Anarchismus. Kritische Geschichte der anarchistischen Theorie. Von E. V. Zenker. Jena: Verlag von Gustav Fischer 1895, S. V.

  • 5

    Als brauchbar bezeichnete er nur einen Lexikonartikel; vgl. G[eorg] Adler (1863–1908): Anarchismus, in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Herausgegeben von Dr. J. Conrad, Professor der Staatswissenschaften zu Halle a. S. Dr. L. Elster, Professor der Staatswissenschaften zu Breslau. Dr. W. Lexis, Professor der Staatswissenschaften zu Göttingen. Dr. Edg. Loening, Professor der Rechte zu Halle a. S. Erster Band. Abbau – Autorrecht. Jena: Verlag von Gustav Fischer 1890, S. 252–270.

  • 6

    E[rnst] V[iktor] Zenker (1865–1946): Ein Mann im sterbenden Österreich. Erinnerungen aus meinem Leben. (Bildnis des Verfassers aus dem Jahre 1919 nach einer Radierung von Emma Löwenstamm.) Reichenberg: Sudetendeutscher Verlag Franz Kraus 1935, S. 104.

  • 7

    E[rnst] V[iktor] Zenker (1865–1946): Ein Mann im sterbenden Österreich. Erinnerungen aus meinem Leben. (Bildnis des Verfassers aus dem Jahre 1919 nach einer Radierung von Emma Löwenstamm.) Reichenberg: Sudetendeutscher Verlag Franz Kraus 1935, S. 104–105.

  • 8

    E[rnst] V[iktor] Zenker (1865–1946): Ein Mann im sterbenden Österreich. Erinnerungen aus meinem Leben. (Bildnis des Verfassers aus dem Jahre 1919 nach einer Radierung von Emma Löwenstamm.) Reichenberg: Sudetendeutscher Verlag Franz Kraus 1935, S. 105–106. – à la solde de la police et d’une foule d’ignorants: im Sold der Polizei und eines Mobs unwissender Menschen.

  • 9

    Vgl. die englische Übersetzung E[rnst] V[iktor] Zenker (1865–1946): Anarchism. A criticism and history of the anarchist theory. Translated from the German. By E. V. Zenker. New York – London: G. P. Putnam’s Sons 1897, xiii, 323 S.; britische Ausgabe: Anarchism. A criticism and history of the anarchist theory. By E. V. Zenker. London: Methuen 1898, 284 S. Außerdem erschien eine russische Übersetzung; vgl. Э[рнст] В[иктор] Ценкер: Анархизм. История и критика анархических учений. Перевод с немецкого. [/] Э[рнст] В[иктор] Ценкер. Москва: Свободная мысль 1906, 254 S. Ein erster Reprint der deutschsprachigen Ausgabe erschien Frankfurt am Main: Sauer & Auvermann 1966, anarchistische Nachdrucke folgten Berlin: Libertad Verlag 1979 und Berlin: Rixdorfer Verlagsanstalt 1984.

  • 10

    Vgl. vor allem Ernst Viktor Zenker (1865–1946): Der Anarchismus und seine Bekämpfung, in: Zeitschrift für Socialwissenschaft. Herausgegeben von Julius Wolf (Berlin), 1. Jg. (1898), H. 10, S. 706–715.

  • 11

    Olga Misař (1876–1950), die im Sommer 1919 vorübergehend in der Tschechoslowakei weilte, berichtete, dass sie mit Ernst Viktor Zenker (1865–1946) in schönster Harmonie gelebt hatte; vgl. Olga Misař: Brief an [Rudolf Großmann alias Pierre Ramus] in [Klosterneuburg]. [Wien], am 20. August 1919, im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam, Nachlass Pierre Ramus, Mappe 150.

  • 12

    Vgl. auch die Korrespondenz von Ernst Viktor Zenker (1865–1946) im Nachlass Pierre Ramus im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam, Mappe 150. Übrigens hatte schon 1913 der Wiener Anarchist Karl F. Kocmata (1890–1941) Zenkers Studie »Der Parlamentarismus. Sein Wesen und seine Entwicklung« (1914 [recte 1913]) als ein Buch gewürdigt, »das tatsächlich Stoff genug zu interessanten, nützlichen Erörterungen gibt und von großem Fleiß und ehrlicher Ueberzeugung zeugt«; Karl F[ranz] Kocmata: Der Bankerott des Parlamentarismus, in: Zukunft (Wien), 3. Jg., Nr. 29 (11. Dezember 1913), S. 2–4, hier S. 3.