Ottilie Binder (1909–1982)

Persönliche Daten
Namensvarianten
geborene Ottilie Maria Leeb
verheiratete Ottilie Maria Binder
genannt: Otti Binder
Geburtsdatum
6. Juni 1909
Geburtsort
Sterbedatum
16. November 1982
Sterbeort
Religionsbekenntnis
römisch-katholisch, dann konfessionslos
Berufe

Vater: Rudolf Leeb (Graz, Steiermark 4. August 1876 – Graz, Steiermark 12. Juli 1956): Bindergehilfe in einer Fabrik, später Bindermeister; Heirat in Graz (Steiermark) am 13. Oktober 1907 mit:
Mutter: Maria Leeb, geborene Hofrichter (Kolin, Böhmen [Kolín, Tschechien] 5. Dezember 1885 – ?): Köchin und Hausfrau
Bruder: Rudolf Leeb (Graz, Steiermark 27. März 1908 – 12. Oktober 1944): im Krieg ermordet
Schwester: Maria Theresia Leeb, verheiratete Rader (Graz, Steiermark 7. November 1910 – Graz, Steiermark 31. Mai 1993): Schneiderin, Hilfsarbeiterin; Anarchistin
Bruder: Karl Michael Leeb (Graz, Steiermark 26. Juli 1912 – Feldbach, Steiermark 8. April 1993)
Ehe: standesamtlich in Graz (Steiermark) am 13. Oktober 1942 mit [?] Binder

Biographie

Ottilie Binder, Tochter einer Köchin und Hausfrau sowie eines Bindergehilfen, wardie ältere Schwester von Maria Rader (1910–1993). Schon als Jugendliche stieß sie um 1925 zum anarchistischen »Bund herrschaftsloser Sozialisten« in Graz, der sich formal in dem 1893 gegründeten und 1934 behördlich aufgelösten »Arbeiter-Bildungs- und Un­terstützungs-Verein« organisierte. Hier wirkte sie in vielfältiger Weise mit und war bei den diversen Festlichkeiten besonders als Rezitatorin begehrt. Ansonsten hielt sie sich eher im Hintergrund, was ihr später zugute kommen sollte.

Als der »Bund herrschaftsloser Sozialisten« 1934 behördlich verboten wurde, entbrannte in Graz ein Streit darüber, ob man den Weg einer öffentlichen Propaganda fortsetzen (Fraktion der Vögel) oder ausschließlich den Weg der Untergrundarbeit beschreiten sollte (Fraktion der Fische). Ottilie Binder entschied sich für Letztere. Nach Jahren bloßer Diskussionen führten vor allem der so genannte Spanische Bürgerkrieg auch in Graz zu praktischem Erfolg. Anfang 1937 bildeten sich in Graz zwei Untergrundgruppen. Die Gruppe »Brot und Freiheit« scharte sich um den Maler- und Lackierergehilfen Josef Steflitsch (1907–?) und um seine Lebensgefährtin Josefa Kapelari (1908–1980). Die Gruppe »Licht« organisierte sich um die Schwestern Leeb: Ottilie Leeb, später verheiratete Binder, und die gelernte Schneidergehilfin und nunmehrige Hilfsarbeiterin Maria Leeb, bereits verheiratete Rader. Zu dieser zwischen Anarcho-Syndikalismus und kommunistischem Anarchismus schwankenden Gruppe gehörten der gelernte Schlosser und nunmehrige Chauffeur der Stadtgemeinde Graz Alois Rader (1897–?), Maria Raders Ehemann, der Schlossergehilfe Josef Teichmeister (1902–1993) sowie die Hausbesitzerin Maria Zahrastnik (1899–1992). Bei beiden Gruppen wirkte die schon beim »Bund herrschaftsloser Sozialisten« überaus aktive Bedienerin Anna Knödl-Schwab (1898–1976) mit. Ottilie Binder wirkte zunächst an der im August 1937 von beiden Gruppen herausgegebenen Untergrundzeitung »Mitteilungen der anarcho-kommunistische Vereinigung Oesterreichs F. A. Oe.« [Graz] mit. Dann gab die so genannte Gruppe »Licht« eine eigene Zeitung heraus. Es war vor allem Ottilie Binder, die mit dem aus Spanien einlangendem Material die Texte für die Untergrundzeitung »Licht« [Graz] verfasste. Von dieser erschienen je eine Nummer im September und Oktober 1937. Am 22. November 1937 flogen die beiden Untergrundgruppen auf, und bis 1. Dezember wurden insgesamt neunzehn Personen festgenommen. Ihr geschicktes Verhalten, aber auch das der anderen Mitglieder der Gruppe »Licht« bewahrte Ottilie Binder vor einer Verhaftung, und weder Polizei noch Justiz entdeckten ihre wichtige Rolle bei der Gruppe wie Zeitschrift »Licht«.

Ottilie Binder, die am 13. Oktober 1942 standesamtlich geheiratet hatte, wirkte 1945 an der Reorganisation des »Bundes Herrschaftsloser Sozialisten Österreichs (Anarcho-Syndikalisten) – Gruppe Graz« mit und war an dessen seit September 1947 erschienenem Organ »Die Freie Generation« (Graz) organisatorisch beteiligt. Zunehmende Probleme mit ihrer Sehkraft führten zu einem langsamen Rückzug aus der Grazer anarchistischen Bewegung, und nach ihrer weitgehenden Erblindung verlegte sich Ottilie Binder im Grazer Odilien-Blindeninstitut auf das Tippen diverser Schriften in Blindenschrift.

  • Graz, Steiermark, Ungergasse 35 (Geburtsadresse)

Karte