Maria Rader (1910–1993)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Vater: Rudolf Leeb (Graz, Steiermark 4. August 1876 – Graz, Steiermark 12. Juli 1956): Bindergehilfe in einer Fabrik, später Bindermeister; Heirat in Graz (Steiermark) am 13. Oktober 1907 mit:
Mutter: Maria Leeb, geborene Hofrichter (Kolin, Böhmen [Kolín, Tschechien] 5. Dezember 1885 – ?): Köchin und Hausfrau
Bruder: Rudolf Leeb (Graz, Steiermark 27. März 1908 – 12. Oktober 1944): im Krieg ermordet
Schwester: Ottilie Maria Leeb, verheiratete Binder (Graz, Steiermark 6. Juni 1909 – Graz, Steiermark 16. November 1982): Hausfrau; Anarchistin
Bruder: Karl Michael Leeb (Graz, Steiermark 26. Juli 1912 – Feldbach, Steiermark 8. April 1993)
Ehe: in Graz (Steiermark) mit Alois Rader (Graz, Steiermark 1897 – ?): Schlossergehilfe, später Chauffeur bei der Stadgemeinde Graz; Anarchist
Biographie
Maria Rader, Tochter einer Köchin und Hausfrau sowie eines Bindergehilfen, wardie jüngere Schwester von Ottilie Binder (1909–1982). Bereits als Lehrmädchen nahm Maria Rader an der großen Grazer Demonstration »Nie wieder Krieg« vom 30. August 1925 im Rahmen des im März 1923 gegründeten Grazer Zweigs des »Bundes der Kriegsdienstgegner« teil. Ein Jahr später wurde sie auch im anarchistischen »Bund herrschaftsloser Sozialisten« in Graz aktiv, der sich formal in dem 1893 gegründeten und 1934 behördlich aufgelösten »Arbeiter-Bildungs- und Unterstützungs-Verein« organisierte. Sie wirkte an dessen Festveranstaltungen und arbeitete in dessen Vereinsheim »Neue Heimat«, Graz 5., Idlhofgasse 36a, mit. Hier traf sie auf den gelernten Schlosser und späteren Chauffeur der Stadtgemeinde Graz Alois Rader (1897–?), den sie später heiratete. Nachdem Maria Rader als gelernte Schneidergehilfin keine einschlägige Arbeit finden konnte, arbeitete sie als Hilfsarbeiterin. Maria und Alois Rader bezogen schließlich das Haus im Ortsteil Neu-Hart, Straßgang [zu Graz 15.], Heimweg 35, direkt neben jenem des Ehepaares Alois Zahrastnik (1897–1969) und Maria Zahrastnik (1899–1992).
Als der »Bund herrschaftsloser Sozialisten« 1934 verboten wurde, entbrannte in Graz ein Streit darüber, ob man den Weg einer öffentlichen Propaganda fortsetzen (Fraktion der Vögel) oder ausschließlich den Weg der Untergrundarbeit beschreiten sollte (Fraktion der Fische). Maria und Alois Rader entschieden sich für Letztere. Nach Jahren bloßer Diskussionen führten vor allem der so genannte Spanische Bürgerkrieg auch in Graz zu praktischem Erfolg. Anfang 1937 bildeten sich in Graz zwei Untergrundgruppen. Die Gruppe »Brot und Freiheit« scharte sich um den Maler- und Lackierergehilfen Josef Steflitsch (1907–?) und um seine Lebensgefährtin Josefa Kapelari (1908–1980). Die Gruppe »Licht« organisierte sich um die Schwestern Leeb: Ottilie Leeb, später verheiratete Binder, und die gelernte Schneidergehilfin und nunmehrige Hilfsarbeiterin Maria Rader. Zu dieser zwischen Anarcho-Syndikalismus und kommunistischem Anarchismus schwankenden Gruppe gehörten Marias Ehemann Alois Rader, der Schlossergehilfe Josef Teichmeister (1902–1993) sowie die Hausbesitzerin Maria Zahrastnik (1899–1992). Bei beiden Gruppen wirkte die schon beim »Bund herrschaftsloser Sozialisten« überaus aktive Bedienerin Anna Knödl-Schwab (1898–1976) mit. Maria Rader wirkte zunächst an der im August 1937 von beiden Gruppen herausgegebenen Untergrundzeitung »Mitteilungen der anarcho-kommunistische Vereinigung Oesterreichs F. A. Oe.« [Graz] mit. Dann gab die so genannte Gruppe »Licht« eine eigene Zeitung heraus. Es war vor allem Maria Rader, die mit dem aus Spanien einlangendem Material die Texte für die Untergrundzeitung »Licht« [Graz] verfasste. Von dieser erschienen je eine Nummer im September und Oktober 1937. Dank ihres Postens bei einem Hersteller für Verpackungsmaterial konnte Maria Rader für die Untergrundzeitschriften beider Gruppen, also auch für die Zeitung »Brot und Freiheit« [Graz], das Papier besorgen. Sie war auch daran beteiligt, die Zeitschriften in der Nacht in Briefkästen zu stecken oder einfach auf Straßen zu verstreuen. Als die Untergrundgruppen am 22. November 1937 aufflogen und neunzehn Personen festgenommen wurden, blieb Maria Rader zunächst unentdeckt. Allerdings fand am 2. Dezember 1937 bei ihr eine Hausdurchsuchung im Heimweg 35 statt, doch mussten Maria und Alois Rader nach der Einvernahme wieder auf freien Fuß gesetzt werden.
Seit August 1945 engagierte sich Maria Rader für den Wiederaufbau einer anarchistischen Organisation in Graz. Im September 1947 erschien die erste Nummer der vom »Bund Herrschaftsloser Sozialisten Österreichs (Anarcho-Syndikalisten) – Gruppe Graz« herausgegebenen Zeitschrift »Die Freie Generation« (Graz), die ab dem nächsten Heft unter dem Titel »Die neue Generation« (Graz) veröffentlicht wurde. Man nahm auch Kontakt zu den Anarchistinnen und Anarchisten in Wien auf, doch es war gerade Maria Raders Artikel »Können wir unsere Kinder den Pfadfindern anvertrauen?« vom Februar 1948, der erstmals die unterschiedlichen Positionen der Grazer und Wiener Gruppen offenbarte. Der Konflikt zwischen den beiden, aber auch innerhalb der Grazer Gruppe, kulminierte anlässlich der Frage, ob und wie weit man der »Sozialistischen Partei Österreichs« entgegenkommen könne. Maria Rader sprach sich im Sinne des Volksfrontgedankens für eine zumindest zeitlich begrenzte Öffnung aus. Die Auseinandersetzung endete damit, dass die Zeitung seit April 1948 unter dem Titel »Neue Generation« in Wien erschien. Maria Rader blieb weiterhin in der Grazer anarchistischen Bewegung aktiv, beherbergte und kümmerte sich aber vor allem um aus Bulgarien nach Graz geflüchtete Anarchisten, unter ihnen der in Graz verbliebene Bautechniker und rührige Anarchist Petko Vasilev Petrov ‹Петко Василев Петров› (1927–2011). Als der Schlosser- und Drehermeister Ferdinand Groß (1908–1998) seine Flugblätter »Informationen der unabhängigen, parteilosen Antimilitaristen und Pazifisten« (Graz, 1959 bis 1962), »Informationen der herrschaftslosen Sozialisten und Antimilitaristen« (Graz, 1964 bis 1968), »Information der herrschaftslosen Sozialisten – Anarchisten« (Graz, 1973) und »Informationen der herrschaftslosen Sozialisten – Anarchisten« (Graz, 1974) veröffentlichte, arbeitete Maria Rader daran mit und unterstütze dann auch dessen seit 1975 erschienene anarchistische Zeitung »Befreiung« (Graz).
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Autor: Reinhard Müller
Version: Februar 2026
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