Sophie Paunovič-Čivikova (1905–1989)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Vater: Maximilian Paunovič (Zágráb / Agram, Ungarn [Zagreb, Kroatien] 5. Dezember 1855 – Graz, Steiermark 14. Oktober 1918): Bäckergehilfe; Heirat in Graz (Steiermark) am 2. Februar 1896 mit:
Mutter: Theresia Paunovič, geborene Jerolinek (Fohnsdorf, Steiermark 2. Oktober 1865 – Graz, Steiermark 25. Jänner 1953): Köchin
Bruder: Emil Wilhelm Paunovič (Graz, Steiermark 21. Mai 1896 – ?)
Schwester: Theresia Wilhelmine Paunovič, seit 19. Juni 1921 verheiratete Pressl (Graz, Steiermark 25. Mai 1899 – Graz, Steiermark 10. April 1946)
Schwester: Elisabeth Angela Paunovič (Graz, Steiermark 9. Mai 1906 – Graz, Steiermark 31. März 1945)
Schwester: Margaretha Amalia Paunovič, verheiratete Grete Zahrastnik (Graz, Steiermark 30. Jänner 1910 – Graz, Steiermark 19. Mai 1998): Hausfrau; Anarchistin
Lebensgefährte: Karl Heinrich Eckhardt (Linz an der Donau, Oberösterreich 18. Jänner 1900 – Graz, Steiermark 21. Juni 1933): Lokomotivheizer
Tochter: Selma Eckhardt (Graz, Steiermark 15. Mai 1927 – Graz, Steiermark 31. März 1945): bei einem Bombenagriff getötet
Ehe: mit Panajot Velikov Čivikov ‹Панайот Великов Чивиков›; deutsche Namensform: Panajot Tschiwikoff (Ruse ‹Русе›, Bulgarien 27. Oktober 1904 – Ruse ‹Русе›, Bulgarien 16. August 1998): Techniker, Redakteur, Schriftsteller; Anarchist
Tochter: Plamena Čivikova ‹Пламена Чивикова› (geb. Ruse ‹Русе›, Bulgarien 1944)
Sohn: Germinal Panajotov Čivikov ‹Жерминал Панайотов Чивиков› (geb. Ruse ‹Русе›, Bulgarien 5. Dezember 1945): Dr. phil., Germanist, Journalist, Publizist, Übersetzer
Biographie
Sophie Paunovič, Tochter einer Hausfrau und eines aus Kroatien gebürtigen Bäckergehilfen, stammte aus einer kinderreichen Familie. Sie war einige Jahre lang die Lebensgefährtin eines Grazer Anarchisten, des Lokomotivheizers Karl Heinrich Eckhardt (1900–1933). Dieser hatte am 27. Jänner 1922 in Graz die Fabriksarbeiterin Ludmilla Walz (1901–1979) geheiratet, trennte sich aber von ihr und ging eine Lebensgemeinschaft mit Sophie Paunovič ein. Mit Sophie Paunovič hatte er die bei einem Bombenangriff ermordete Tochter Selma Eckhardt (1927–1945). Karl Heinrich Eckhardt war 1927 Leiter des ersten Grazer Rednerkurses des »Bundes herrschaftsloser Sozialisten«, der sich formal in dem 1893 gegründeten und 1934 behördlich aufgelösten »Arbeiter-Bildungs- und Unterstützungs-Verein« organisierte. Auch Sophie Paunovič trat dem »Bund herrschaftsloser Sozialisten« bei. Sie litt bald unter den zunehmenden Gewalttätigkeiten ihres Lebensgefährten, dessen Leben ein tragisches Ende nahm. Eckhardt wurde während des Grazer Vasektomie-Prozesses am 21. Juni 1933 in der Küche seiner Wohnung in Eggenberg [zu Graz], Alte Poststraße 131/B/II, vom Partieführer bei den Bundesbahnen Alois Pachatz (1901–1933) durch zwei Revolverschüsse ermordet. Danach erschoss sich Pachatz, ebenfalls in der Küche. Es blieb zweifelhaft, ob Eifersucht oder der Prozess das Mordmotiv war, da beide vasektomiert waren und Eckhardt als vermutlicher Bereitsteller seiner Wohnung für Vasektomien zu den Zeugen im Vasektomie-Prozess gehörte.
Die ausgebildete Krankenschwester Sophie Paunovič reiste nach der Ermordung ihres Lebensgefährten 1933 nach Spanien. Ihre in einem Fotogeschäft arbeitende Schwester Grete Zahrastnik (1910–1998) übernahm am 8. Juli 1933 die Vormundschaft für Selma Eckhart. Auch sie war in den Lebensgefährten ihre Schwester, in Karl Heinrich Eckhardt verliebt. Enttäuschte Liebe und das tragische Ende ihres Geliebten veranlasste Grete, ihrer Schwester Sophie 1935 nach Spanien zu folgen. Beide arbeiteten dort als Übersetzerinnen und Deutschlehrerinnen. Als die Schwestern im Sommer 1936 nach Graz zurückkamen, war der Streit unter den Grazer Anarchistinnen und Anarchisten bereits kulminiert. Nachdem der »Bund herrschaftsloser Sozialisten« 1934 verboten worden war, stritten dessen ehemalige Mitglieder darüber, ob man den Weg einer öffentlichen Propaganda fortsetzen (Fraktion der Vögel) oder ausschließlich den Weg der Untergrundarbeit beschreiten (Fraktion der Fische) sollte. Grete Zahrastnik und Sophie Paunovič machten sich für die Untergrunsarbeit stark. Sie waren es auch, die den wegen eines Zeitungsartikels in Bulgarien verurteilten und daraufhin nach Graz geflüchteten Anarchisten Panajot Čivikov ‹Панайот Чивиков› (1904–1998) mit den Grazer Anarchistinnen und Anarchisten bekannt machten. Der vielsprachige Techniker, Redakteur und Schriftsteller Čivikov – er sprach und schrieb Bulgarisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Esperanto – wurde nicht nur zur wohl wichtigsten Informationsquelle für die Grazer anarchistische Szene. Čivikov, der zwischen Juni 1936 und November 1937 mehrfach zwischen Graz, Spanien und Frankreich hin und her reiste, trug wesentlich dazu bei, dass sich in den ersten Monaten des Jahres 1937 zwei anarchistische Untergrundgruppen bildeten, welche heute meist nach ihren Zeitschriften benannt werden: »Brot und Freiheit« sowie »Licht«. Čivikov war es auch, der umfangreiches Textmaterial zur Verfügung stellte, welches die Basis für die Untergrundzeitungen »Mitteilungen der anarcho-kommunistische Vereinigung Oesterreichs F. A. Oe.« [Graz], fortgesetzt unter dem Titel »Brot und Freiheit« [Graz], und »Licht« [Graz] bildeten.
Sophie Paunovič ging mittlerweile neuerlich nach Spanien, wo sie als Gouvernante und Krankenschwester arbeitete, kehrte aber im Herbst 1937 nach Graz zurück. Sie folgte Anfang 1941 dem inzwischen amnestierten Panajot Čivikov nach Bulgarien, wo sie heirateten und wo sie dann den Namen Sophie Maximiliane Čivikova ‹Софи Максимилиана Чивикова› führte.
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Autor: Reinhard Müller
Version: Februar 2026
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