Grete Zahrastnik (1910–1998)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Vater: Maximilian Paunovič (Zágráb / Agram, Ungarn [Zagreb, Kroatien] 5. Dezember 1855 – Graz, Steiermark 14. Oktober 1918): Bäckergehilfe; Heirat in Graz (Steiermark) am 2. Februar 1896 mit:
Mutter: Theresia Paunovič, geborene Jerolinek (Fohnsdorf, Steiermark 2. Oktober 1865 – Graz, Steiermark 25. Jänner 1953): Köchin
Bruder: Emil Wilhelm Paunovič (Graz, Steiermark 21. Mai 1896 – ?)
Schwester: Theresia Wilhelmine Paunovič, seit 19. Juni 1921 verheiratete Pressl (Graz, Steiermark 25. Mai 1899 – Graz, Steiermark 10. April 1946)
Schwester: Sofia Anna Paunovič, verheiratete Sophie Maximiliane Čivikova ‹Софи Максимилиана Чивикова› (Graz, Steiermark 1. Mai 1905 – Ruse ‹Русе›, Bulgarien 28. Juni 1989): Krankenschwester, Deutschlehrerin, Übersetzerin; Anarchistin
Schwester: Elisabeth Angela Paunovič (Graz, Steiermark 9. Mai 1906 – Graz, Steiermark 31. März 1945)
Ehe: in Graz (Steiermark) am 18. Juli 1950 mit Alois Gimpel, mit 17. Februar 1901 legitimierter Zahrastnik (Graz, Steiermark 25. Mai 1897 – Graz, Steiermark 16. September 1969): Tapezierermeister und Dekorateur; er war in erster Ehe seit 1921 mit Maria Theresia Zahrastnik (Graz, Steiermark 28. Februar 1899 – Graz, Steiermark 6. April 1992) verheiratet, von der er 1926 geschieden wurde; Anarchistin
Stieftochter: »Irma« Irmgard Zahrastnik, verheiratete Nievoll (Graz, Steiermark 26. April 1922 – Graz, Steiermark 26. März 2020): Dr. med. univ., Ärztin; zeitweilig Anarchistin; zeitweilig Anarchistin; sie heiratete den Kinderneuropsychiater Medizinalrat Primarius Dr. med. Alois Nievoll (? – Graz, Steiermark 29. November 1994)
Biographie
Grete Zahrastnik, Tochter einer Hausfrau und eines aus Kroatien stammenden Bäckergehilfen, stammte aus einer kinderreichen Familie. In den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie 1920 für ein Jahr zu einem Ehepaar nach Spanien geschickt. Schon früh verband Grete Zahrastnik eine enge Verbindung mit ihrer älteren Schwester Sophie Paunovič (1905–1989). Diese ging nach der Ermordung ihres Lebensgefährten, des Lokomotivheizers Karl Heinrich Eckhardt (1900–1933), 1933 nach Spanien, wo die ausgebildete Krankenschwester als Deutschlehrerin und Übersetzerin tätig war. Als ihre Schwester Sophie nach Spanien ging, übernahm Grete im Juli 1933 die Vormundschaft von deren Tochter Selma Eckhardt (1927–1945). Grete Zahrastnik. die eine unglückliche Liebesbeziehung zum Lebensgefährten ihre Schwester Karl Heinrich Eckhardt hatte, folgte ihr 1935 nach Spanien, wo sie ebenfalls als Deutschlehrerin und Übersetzerin tätig war. Als im Juli 1936 der so genannte Spanische Bürgerkrieg begonnen wurde, kehrten die Schwestern nach Graz zurück. Grete Zahrastnik begann nach Abschluss der Handelsschule 1927 eine Ausbildung als Fotografin und arbeitete in einem Grazer Fotogeschäft. Sie verkehrten im Haus des Ehepaars Maria Zahrastnik (1899–1992) und Alois Zahrastnik (1897–1969) im Ortsteil Neu-Hart, Straßgang [zu Graz 15.], Heimweg 37, welches ein wichtiger Treffpunkt der im Untergrund agierenden Anarchistinnen und Anarchisten war.
Grete Zahrastnik und Sophie Paunovič waren es auch, die den aus Bulgarien geflüchteten Anarchisten Panajot Čivikov ‹Панайот Чивиков› (1904–1998) in die Grazer anarchistische Szene einführten. Čivikov, der an den Kämpfen in Spanien teilgenommen hatte, hielt sich zwischen Juli 1936 und November 1937 mehrmals in Graz auf und versorgte die 1937 hier entstandenen anarchistischen Untergrundgruppen »Brot und Freiheit« sowie »Licht« mit Informationen für ihre Untergrundzeitungen »Mitteilungen der anarcho-kommunistische Vereinigung Oesterreichs F. A. Oe.« [Graz], fortgesetzt unter dem Titel »Brot und Freiheit« [Graz], und »Licht« [Graz]. Beide Schwestern waren im Umfeld dieser Gruppen aktiv, teils in Graz, teils in Spanien. Sofia Paunovič ging nochmals nach Spanien, wo sie nun als Gouvernante und Krankenschwester agierte, kehrte im Herbst 1937 nach Graz zurück und reiste Anfang 1941 nach Bulgarien, wo sie Panajot Čivikov heiratete.
Grete Zaharstnik blieb in Graz, wo sie sich in Alois Zahrastnik, den sie »Peter« nannte, verliebte. Sie zog 1936 mit dem noch im selben Jahr von Maria Zahrastnik Geschiedenen zusammen, heiratete ihn aber standesamtlich erst am 18. Juli 1950. Grete Zaharstnik arbeitete wieder in einem Fotogeschäft, legte 1940 die Gesellen- und 1942 die Meisterprüfung ab und unterrichtete seit 1940 Fotografie an der Berufsschule für Drogisten und Drogistinnen an der staatlichen Wirtschaftsoberschule. Ihre Fotos wurden in mehreren Zeitungen und Büchern veröffentlicht. Im vermeintlichen Schutz dieser Bekanntheit fotografierte Grete Zaharstnik aber auch für den Widerstandskampf gegen den Nationalsozialismus Munitionsfabriken nahe der Brauerei »Reininghaus« in Graz. Sie übergab diese Fotos einem Widerstandskämpfer, der sich dann allerdings als Spitzel der Gestapo herausstellte. Sie wurde am 8. April 1944 von der Gestapo verhaftet, ihr Ehemann Alois Zahrastnik am 11. April 1944. Grete Zaharstnik wurde der Spionage, der Vorbereitung zum Hochverrat sowie der Unterstützung und Fluchtvermittlung von Kriegsgefangenen angeklagt. Tatsächlich hatten sie und ihr Ehemann britischen und russischen Kriegsgefangenen sowie französischen Zwangsarbeitern zur Flucht verholfen. Grete Zaharstnik war vom 1. Juli bis 13. Juni 1944 in Gestapohaft, anschließend in so genannter Schutzhaft und wurde am 14. Juli 1944 ins Konzentrationslager Ravensbrück [zu Fürstenberg/Havel] (Brandenburg) deportiert. Aus diesem wurde sie am 27. April 1945 entlassen und gelangte am 30. Mai nach Wien. Alois Zahrastnik, dem man wenig nachweisen konnte, wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, erhielt aber wegen Krankheit einen Strafaufschub. Er schloss sich der sozialistischen Widerstandsgruppe um den Kaufmann Fritz Marsch (1894–1945) an, wurde im März 1945 neuerlich von der Gestapo verhaftet, konnte jedoch flüchten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Grete Zahrastnik ein Fotogeschäft, das sie 1950 nach Graz 1., Tummelplatz 9, verlegte, und welches sie bis zu ihrer Pensionierung 1972 betrieb. Daneben widmete sie sich intensiv der Ausbildung von Fotografinnen und Fotografen. Grete Zaharstnik, die bis zuletzt mit libertären Ideen sympathisierte, gilt heute als bedeutende Fotografin in und aus Graz. Auch wenn Grete Zahrastnik seit 1945 in den anarchistischen Bewegungen nicht mehr direkt aktiv war, gehörte sie zu den wenigen finanziellen Unterstützerinnen der anarchistischen Zeitung »Befreiung« (Graz), die der Schlosser- und Drehermeister Ferdinand Groß (1908–1998) von 1975 bis 1997 herausgab.
Kategorien
Adresse(n)
- Graz, Steiermark, Annenstraße 79 (Geburtsadresse)
Karte
Autor / Version / Copyleft
Autor: Reinhard Müller
Version: Februar 2026
Anarchistische Bibliothek | Archiv | Institut für Anarchismusforschung | Wien
Copyleft